Was zieht uns in die Berge?

Sabine Gruber
01.09.2012
 
Was zieht uns in die Berge?
Welches Tier ich gerne wäre, wurde ich einmal von einem Journalisten gefragt - es war einer dieser Fragebögen, die in Magazinen abgedruckt werden. Wenn man weiß, daß eine meiner bevorzugten mythologischen Figuren Ikarus ist, der mit künstlichen Flügeln über das Meer flog, dann ist es ein Leichtes, das Tier zu erraten: Ich wünschte, ich wäre manchmal ein Vogel und sähe die Welt aus der Luft, nicht so nah und aufdringlich, wie sie sich uns Menschen darstellt, wenn wir sie mit den Füßen auf der Erde erkunden.
Ikarus war leider wenig erfolgreich beim Fliegen: sein Vater Dädalos hatte Federn mit Wachs an einem Gestänge befestigt und Ikarus gewarnt, mit diesen Flügeln nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, doch Ikarus wurde übermütig, flog zu nahe an die Sonne, so daß das Wachs schmolz und er ins Wasser stürzte.
Die Sehnsucht nach dem Fliegen kannte ich schon als Kind; vielleicht hängt sie mit den Bergen zusammen, die zu überwinden immer mit vielen Kraftanstrengungen verbunden ist. Meine Eltern liebten lange Wanderungen, ich hingegen motzte und träumte von mühelosen Aufstiegen, stellte mir kleine Motoren unter den Schuhen oder Propeller am Rucksack vor – lauter unsinnige Erfindungen, für die wohl die Comics verantwortlich waren, die ich damals auch las: zu meinen Lieblingen gehörte Daniel Düsentrieb, der Erfinder des Brotschmierapparats und des überlichtschnellen Raumschiffs. Ich hätte auch gerne ein Helferlein an meiner Seite gehabt, das mich bei der Realisierung meiner Vorstellungen unterstützte, stattdessen mußte ich gehen, gehen, gehen … und die Füße schmerzten, waren am Abend mit Blasen und Druckstellen versehen.
Technische Erfindungen fand ich besonders reizvoll, ich stellte mir vor, eine Luise Zuegg, eine Johanna Kravogl oder eine Petra Mitterdorfer zu sein …, hätte ich über die entsprechende Vorbildung verfügt, ich wäre vielleicht in einem Keller oder in einer Tischlerei verschwunden, um zu experimentieren und zu basteln – so aber blieben immer nur die Träume, deren Grundlagen die Informationen aus einem Buch der Sechziger Jahre bildeten, das sich in „35 Lebensbildern“ mit den „Tiroler Pionieren der Technik“ befaßte. Daß ich den Erfinder der Schreibmaschine bewunderte, ist aufgrund meiner frühen Liebe zu Büchern und dem Schreiben nachvollziehbar. Bei Kravogl und Zuegg stellte sich so etwas wie ein Dorfstolz ein, waren sie doch gebürtige Lanaer. Johann Kravogl war mir sympathisch, weil er trotz mangelnder Schulbildung als Autodidakt das berühmte „elektrische Kraftrad“ und außerdem ein eigenes Harmonium erschaffen hatte, auf dem er intuitiv, ohne Notenkenntnisse, musiziert haben soll. Doch eine noch viel größere Sympathie genoß Luis Zuegg: mit seinem Spitzbärtchen und der Nickelbrille war er in meinen Augen der Inbegriff eines Erfinders. Daß er das erste Lanaer Elektrizitätswerk konzipiert und die Pappenfabrik gegründet hatte, interessierte mich weniger, aber mit dem Bau der Straßenbahn Lana-Meran und dem Umbau der Seilschwebebahn war er mein persönlicher Topfavorit unter den heimischen Düsentrieben.
„Schwebebahn“ war ein Zauberwort. Es bedeutete schadlose Füße und das Glücksgefühl, dem Tal zu entschwinden, ohne sich schwitzend und keuchend nach oben arbeiten zu müssen. Daß man nicht von Beginn an Luis Zuegg, sondern einem Schweizer Ingenieursbüro den Auftrag für die Errichtung der Seilbahn auf das Vigiljoch erteilt hatte, würde ich heute als typischen Südtiroler Minderwertigkeitskomplex sehen. Immer schon unterschätzte man die eigenen Leute, zog die Auswärtigen den Einheimischen vor. Doch Zuegg nutzte die Gunst der Stunde: als die Bahn bei der Kollaudierung nicht betriebsfähig war, arbeitete er an ihrer Verbesserung und Funktionsfähigkeit. Er ging auf höhere Seilspannungen über und erreichte damit nicht nur größere Spannweiten, sondern auch mehr Sicherheit und eine höhere Fahrgeschwindigkeit. Und er hatte die glorreiche Idee, über die nicht isolierten Seile eine Telephonleitung zu installieren.
Nichts ist schöner als mit dieser Bahn der Sonne entgegen zu gleiten, wenn das Tal im Nebel versinkt. Ein klein wenig fühle ich mich dann wie Ikarus, dessen Gestell nicht aus Wachs, sondern aus einer gemütlichen Kabine besteht.
„Was zieht uns in die Berge?“ fragte man Bertolt Brecht in einem Schulaufsatz, und er antwortete ganz in meinem Sinne: „Die Seilbahn!“




 
 
 
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