Weißkugelsturm

Martha Miklin
12.04.2015
 
Weißkugelsturm
Vor zwanzig Jahren ging ich davon aus, dass die Zeit stehen bleibt, wenn ich die Luft anhalte. Meine ältere Schwester hatte mir diesen Unsinn in der stürmischen Nacht des 12. Juli 1994 ins linke Ohr geflüstert – unwetterbedingt steckten wir auf dem Weg zum Südtiroler Weißkugel mit zwanzig anderen Wandersleuten in der rustikalen Weißkugelhütte fest. Das war für uns zwei Stadt-Früchtchen nicht sonderlich schlimm, denn der Gipfel, den wir an jenem Tag im Schlepptau unseres lieben Vaters keuchend und fluchend hätten erklimmen sollen, war uns bereits aus 1992 und 1993 bekannt und nicht unbedingt in sympathischer Erinnerung geblieben.

„Du hast schon richtig gehört, Johanna. Die Zeit bleibt stehen. Einfach so. Wenn du die Luft anhältst, kannst du deine Lebenszeit verlängern! Aber nur einmal pro Tag und nicht länger als zehn Sekunden, sonst bleibt sie für immer stehen, die Zeit. Und du bleibst so klein wie du bist.“ Für diesen besonders lang-sam und deut-lich ausgesprochenen letzten Satz hätte ich Marie am liebsten vor allen Hüttengästen die Jogginghose runtergezogen. Sie wusste ganz genau, wie sehr ich damals als sensible 6-Jährige unter meiner geringen Körpergröße von 99 Zentimetern litt. Aus Taktgründen verschonte ich dennoch das mittlerweile angetrunkene Hüttenpublikum mit dem Anblick des weißen Hinterns meiner schlauen Schwester.

Schlau, das war sie nämlich tatsächlich und ganz offiziell. Ganze 149 IQ-Punkte brachte das Gehirn im birnenförmigen Schädel meiner 10-jährigen Schwester zustande. Das hatte ein neurologischer Test ergeben, den sie über sich ergehen hatte lassen müssen, angeblich um festzustellen, woher diese Kopfschmerzen kamen, die sie damals regelmäßig in die Knie zwangen. Für ein Mädchen mit durchschnittlicher Intelligenz wie mich war die Theorie des Luftanhaltens einleuchtend oder vielleicht einfach zu attraktiv, um ignoriert zu werden. Wenn sie sich als falsch erweisen sollte, was soll’s? „Nutzt’s nix, schad’s nix“ – das Lebensmotto unserer Wiener Urgroßmutter Grete hallte in jenem Moment durch meinen kleinen Kopf und machte es sich hinter Maries Theorie gemütlich. Noch in derselben Nacht sollte ich die ersten zehn Sekunden in mein Lebenszeitkonto einzahlen. Ich war so darauf bedacht, die zehn Sekunden nicht zu überschreiten, dass ich während des Luftanhaltens immer wieder auf den leuchtenden Sekundenzeiger meiner hellblauen Armbanduhr schielte und mir dabei tatsächlich nicht auffiel, dass die Zeit ja gar nicht stehenbleiben konnte wenn sie sich weiterbewegte.

Was mir in jener Nacht allerdings sehr wohl auffiel, war die kontinuierliche Verschlechterung des gesundheitlichen Zustands des Himmels in den Südtiroler Bergen. Das Unwetter zauberte nicht nur die bizzarsten Farben auf’s Himmelszelt, es zeigte sich außerdem von seiner härtesten und zynischsten Seite. Zweimal schlugen Blitze nahe der Hütte in den Fels, die dünnen Ziegen schrien sich im klapprigen Stall um Kopf und Kragen, die fünf Zentimeter-Durchmesser-Hagelkörner machten die Gänseblümchen auf der weichen Wiese platt und stießen mit großem Karacho ein paar Ziegel vom Dach der Hütte. Immer wenn man glaubte, es würde besser, spielte der Himmel den nächsten Streich. Was hatte man ihm bloß angetan? Marie lamentierte, dass ihre Kopfschmerzen wieder losgingen und ließ sich vom besorgten Vater eine Schmerztablette servieren, die sie stöhnend hinunterschluckte, um gleich darauf wie ein Stein einzuschlafen, während ich zitternd am kleinen Hüttenfenster Stellung hielt. Die Ziegen taten mir so leid, dass ich sie am liebsten alle in unser Zimmer eingeladen hätte.

Am nächsten Morgen erwachte ich gerädert als hätte man mich durch den Fleischwolf gedreht und als formlosen Haufen liegengelassen. Der gestrige Nervenzusammenbruch des Himmels war einem fröhlichen Blau mit ein paar kleinen Wölkchen gewichen, und wenn die zerbrochenen Ziegeln und plattgedrückten Blümchen nicht wären, könnte man meinen, der Sturm wäre nie dagewesen. Der alte Herr schnarchte unverfroren in den Raum hinein, und Marie hielt ich im ersten Moment für tot, so wie sie dalag. Ich schubste meine Schwester, zwickte in ihre rechte Wange und steckte meinen Daumen in ihr Nasenloch. Dann erwachte mein Vater.

Bis wir kapiert hatten, dass Marie nicht mehr atmete, vergingen mehrere Minuten. Minuten, die sich wie die Ewigkeit anfühlten und an die sich weder der Alte noch ich erinnern können. Zu unserer eigenen Sicherheit von unseren Gehirnen ausradierte Minuten. Auch den Hubschrauber, der Marie, den Alten und mich zurück ins Tal bringen sollte, könnte ich nicht mehr beschreiben. Geschweige denn Alter, Geschlecht, Anzahl oder Fragen der Ärzte im Bozener Krankenhaus. Das einzige Bild, das ich vor mir sehe, ist Maries linke Hand, die noch lange nach ihrem schmerzlosen und schnellen Tod um das rosafarbene Halstuch gewickelt war, das sie direkt nach der Einnahme des Medikaments genervt abgenommen hatte. Ich verstand damals nicht, wie ein Mensch, dessen Herz nicht mehr schlug, noch etwas festhalten konnte.

Heute weiß ich es. Heute weiß ich auch, dass Marie mich an diesem Julitag im Jahr 1994 mit ihrer Lebenszeit-Theorie wieder mal auf den Arm nehmen wollte. Ahnte ihr schlauer Kopf, der viel zu früh von dieser Gehirnblutung überschwemmt worden war, dass sie Recht behalten sollte? Lebenszeit. Tag für Tag legte ich weitere zehn Sekunden auf mein Konto, über das ich penibel Buch führte. Lebenszeit. Zehn Sekunden pro Tag, das ist eine Minute alle sechs Tage, das sind knappe sechzig Minuten im Jahr. Das ist eine Stunde pro Jahr, die ich jeden Juli mit Marie in den Südtiroler Bergen verbringe. Inmitten von rauen Felsen, saftigem Moos, beißend-frischer Luft, zotteligen Ziegen und Totenstille. Heute weiß ich, dass Marie Recht hatte. Ich sammelte Zeit. Zeit, die Marie für mich am Leben erhält. Lebenszeit für Marie.
 
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