Welt aus Zahlen

Christine Kühbacher
13.11.2007
 
Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: Kind, Deine Welt sind die Zahlen. Mein Vater schickte mich bereits in jenen Tagen zur Bank, um die finanziellen Transaktionen der Familie abzuwickeln.

Wie Recht meine Mutter behalten sollte, wurde mir erst im späteren Verlauf meines Lebens so richtig bewusst. Die Welt der Zahlen ist bis heute die dominierende Konstante in meinem Alltag geblieben, Faszination und Bürde zugleich.

Im Grunde genommen war mein Weg vorgezeichnet. Wo andere Kinder kryptische Zeichenfolgen aus einer anderen Welt wahrnahmen, taten sich mir hingegen klare Symbole logischer, mathematischer Reinheit in ihrer ganzen ästhetischen Pracht auf. „Das Wesen der Wirklichkeit ist die Zahl“, formulierte einst der griechische Mathematiker und Philosoph Pythagoras. Nun, zumindest für meine „Wirklichkeit“ trifft dies zu. Dem entsprechend nimmt es nicht Wunder, dass sich auch mein beruflicher Werdegang entlang der Grenzen des Zahlenuniversums entwickelt hat. Wann immer für andere eher unattraktive Problemstellungen im Zusammenhang mit Zahlen anstehen, werde vorzugsweise ich angesprochen „mal eben“ einen Blick auf das Material zu werfen; „frag die Christine, die blickt das“.

Telefonierende Freunde rufen mir auf die Schnelle Telefonnummern zu, um diese später, nach Beendigung der Gespräche, bei mir abrufen und ins Handy einspeichern zu können. Wie selbstverständlich hat sich dies in meinem näheren Umfeld eingebürgert und schon lange habe mich daran gewöhnt.

Das Talent im Umgang mit Zahlen scheint sich bereits auch auf meine drei Kinder vererbt zu haben. Jedenfalls bringen sie meist gute Noten nach Hause und interessieren sich auffallend für mathematische Aufgaben. So nehme ich diese Begabung weniger als Last wahr, denn als Herausforderung und Chance meinen Platz in dieser Welt zu definieren.

Bleibt mir nur noch herauszufinden: Wie kann man mit Zahlen malen?
 
 
 
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