Wenn die Mutter nicht mehr da ist

Sylvia Maria Zöschg
17.01.2014
 
Wenn die Mutter nicht mehr da ist
Erst wenn das Abendessen auf dem Tisch steht, der Haushalt erledigt ist, wenn die Mutter endlich schläft, wenn Franz noch bei seinem Feierabendbier sitzt, hat Maria ein paar Minuten für sich.

Sie geht auf den Balkon. Manchmal zupft sie die welken Blätter der Blumen ab, die ihr dankbar zuzwinkern. Oder sie beobachtet die wenigen Autos, die vor ihrem Haus durch die Gasse fahren. Ganz automatisch hebt sie die Hand, egal, ob sie die Leute kennt oder nicht. Das macht man eben so, wenn man in einem Dorf lebt. Das gehört zum guten Benehmen, hat die Mutter immer gesagt.

Maria setzt sich in den Plastikstuhl, der einmal weiß war, und der wie jedes Mal ein ächzendes Geräusch von sich gibt, wie ein altes Maultier.
Dann zündet sie sich eine Zigarette an. Sie nippt an einem Glas mit selbstgemachtem Holunderblütensaft, und beobachtet die Gondeln der Seilbahn, die den Berg drüben hinter dem Fluss erklimmen.
Sie hat diese Gondeln noch nie betreten. Der Berg ist mit seinen vielen Wanderwegen beliebt bei Touristen und Einheimischen. Aber Maria, nein, sie weigert sich, war schon seit Jahren nicht mehr dort. Franz und die Jungs haben sie immer wieder damit aufgezogen, haben sie gedrängt und sie belächelt. Aber sie ist stur geblieben. Und den Spott in Mutters Augen hat sie ignoriert, immer und immer wieder.
Jetzt liegt kein Spott mehr in Mutters Blicken. Da ist nichts als Verwirrung.

Untertags kann man das Hotel nicht erkennen. Aber Maria weiß, es ist da. Nachts sieht man die Lichter, und manchmal hört man Musik und Gelächter. Franz schimpft oft darüber. Dabei bekommen sie in ihrem Schlafzimmer nichts davon mit. Und Franz hat sowieso einen tiefen Schlaf. „Der würde noch den Weltuntergang verschlafen“, hat Mutter einmal kopfschüttelnd geschnauft. „Wenn er ihn mit seinem Schnarchen nicht selbst auslöst.“
Damals konnte sie noch sprechen, Mutter. Und das, was sie sagte, ergab einen Sinn.

„Wie du es nur aushältst, hier. Mit Mutter. Mit Franz“, hat Veronika gesagt, als sie vor ein paar Wochen zu Besuch war. Der Balkon, auf dem sie standen, wirkte mit einem Mal viel kleiner und enger, wie ein beklemmender Kokon. Veronika mit ihrer eleganten Kleidung, mit ihrem italienischen Akzent, Spuren aus Mailand. „Ich bewundere dich“, behauptete sie. Mitleid in den Augen, Herablassung in den Mundwinkeln. „Franz sollte dir wirklich mehr helfen, und die Jungs auch.“
Maria lächelte nur. „Ach, der Franz hat doch zwei linke Hände. Macht beim Abwasch alles kaputt. Und die Buben, die sind doch kaum da. Martin hat ja seine eigene Wohnung und kommt nur ab und zu zum Essen vorbei. Und Klaus, der ist ja noch an der Uni und nur in den Ferien zu Hause. Nein, nein, ich komme schon zurecht.“
„Dann stellt doch eine Pflegekraft ein! Filippo und ich würden euch gerne finanziell unterstützen. Sie ist ja auch meine Mutter.“
Maria musterte ihre Schwester. Veronika, die früher immer so neidisch gewesen war und so eifersüchtig, weil die Mutter Maria mehr Beachtung schenkte, sie mehr bemutterte. Sie einfädelte in ihr Spinnennetz, und Veronika widerspruchslos ziehen ließ. Auch wenn Veronika es nie sagte: Maria wusste, sie war froh, dass sie sich nicht selbst um die kranke Mutter kümmern musste. Dass Maria die Last trug.
Und Maria erzählte ihrer Schwester nicht, dass immer öfter Mutters keifender Tonfall und ihre schnarrenden Worte aus Marias Mund sprudelten. Sie erzählte Veronika nicht, dass sie manchmal über sich selbst erschrak. Und es manchmal auch genoss, der Mutter Dinge zu sagen, schlimme Dinge. Denn die Mutter konnte nicht mehr antworten, keine Vorwürfe mehr machen.

Aber jetzt, auf dem Balkon, denkt Maria nicht an ihre Mutter, oder an ihre Schwester. Sie denkt nicht an ihre Söhne oder Franz.
Sie denkt an den Mann, den Besitzer des Hotels.
Damals, vor fast vierzig Jahren, war er noch nichts weiter als der Sohn, und sie nichts als ein hübsches, junges Mädchen.
Damals, auf dem Fest, hat er sie mit festem Griff über die Tanzfläche geführt.
Sie erinnert sich noch an seine Hände auf ihren Hüften, den Blick, mit dem er sie angesehen hat, seine Lippen auf ihren. Frech und forsch und zuckersüß.
Maria schließt die Augen und ist wieder fünfzehn Jahre alt und verliebt. Er hält ihre Hand, und sie schmieden Pläne. Sie könnte auf die Hotelfachschule wechseln, sagt er, und im Hotel mitarbeiten. Er spricht von Heirat und Kindern, und seine Stimme ist Samt und Seide. Reisen, das Meer sehen, und den kalten Norden. Davon träumen sie. Es gibt nichts, bis auf Maria und den jungen Mann an ihrer Seite, und eine wunderbare Zukunft. Und die Sehnsucht nach mehr, nach etwas, was sie nicht kennt, und jetzt schon vermisst.

Die gekräuselten Lippen und zusammengekniffenen Augen im Gesicht der Mutter. Ein Schnauben und Kopfschütteln. „Was denkst du dir, Mädchen. Nichts als kindische Träumereien. Die würden dich doch niemals akzeptieren. Die sind doch was Besseres. Schlag dir das aus dem Kopf. Meinst du wirklich, eine wie Du ist ihm genug? Du bist nichts als Zeitvertreib für ihn, glaub mir. Bleib Du nur bei mir und Deinem Vater. Er braucht Hilfe im Geschäft. Du wirst schon noch einen anderen finden, einen der besser zu Dir passt.“
Maria hat ihr geglaubt.
Vielleicht, weil das einfacher war, als zu kämpfen, denkt sie heute manchmal.
Maria hat getan, was die Mutter von ihr verlangte.
Den verletzten Blick des jungen Mannes hat sie tief in ihrem Herzen vergraben und verbannt.
Maria hat gelernt, zufrieden zu sein. Die Schule hat sie abgebrochen, um ihrem Vater im Geschäft zu helfen. Dann hat sie Franz kennengelernt und die Kinder bekommen. Sie hat gelernt, sich zu kümmern. Um den Haushalt, um die Söhne. Um den Vater, nach seinem ersten Herzinfarkt. Um Mutter, nach Vaters Tod.
Die Kinder wurden größer, Franz ihr immer fremder.
Und Maria träumte.
Aber da war immer noch Mutter.
Da ist immer noch Mutter.

Später, hat sie oft gedacht. Später, denkt sie heute noch.
Sie bewahrt die Sehnsucht in ihrem Herzen auf. Und träumt, jedes Mal, wenn sie den Gondeln zusieht. Sie träumt davon, eines Tages nicht mehr nur zufrieden zu sein.
Vielleicht wird sie wieder verliebt sein, so wie damals, mit fünfzehn. Ein Gefühl, an das sie sich fast nicht mehr erinnern kann.
Irgendwann einmal wird sie es wagen.
Wenn die Mutter nicht mehr da ist. Wenn die Mutter sie nicht mehr lähmen kann.

Dann wird sie in die Gondel steigen und zur Bergstation fahren. Dann wird sie das Hotel mit einem Lächeln auf den Lippen betreten.
Dann wird sie den Mann besuchen. Er ist selbst schon lange verheiratet und hat Kinder.
Und doch, vielleicht wird er sie erkennen, vielleicht sich an sie erinnern. Vielleicht wird er sie wieder so halten, und küssen.
Vielleicht wird sie dann glücklich sein.
 
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