Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Bruno Centomo
16.02.2017
 
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Ich rief: Lachen ist gesund! So oder so, ein Lachen wird es sein, das euch besiegt! Die Antwort kam ohne Zögern. So hatte ich den Beweis: Am vielen Lachen erkennt man den Narren. Blieb die Frage, ob ich ein Naivling gewesen war oder derjenige ein Dummkopf, der mir geantwortet hatte. Ich versuchte es trotzdem mit meiner Aufforderung zum Lachen, allein ein Lachen, das nicht von Herzen kommt, ist wenig wert. Und alle ringsum begriffen schließlich und schwiegen. Gerade rechtzeitig, bevor sich meine Mutter einschaltete und meinte, wir sollten lieber still sein und essen, bevor es kalt wurde und, vor allem, solange noch etwas auf dem Teller war. Und so konnte man sich, glaube ich, und kann man sich noch in vielen Häusern die armselige und desillusionierte Szene vorstellen. Ebenso konnte es genügen, zu wissen und sagen zu lassen, Salz und Brot macht Wangen rot. Das stellte endgültig alle Anwesenden zufrieden. Für das Heute, das Gestern, das, was hoffentlich morgen sein würde. Um den Tisch war es eng, man hatte kaum Platz und je mehr man lachte, desto stärker wurde das Hungergefühl. Zum Schluss durfte man auf den Tag danach hoffen: es war ein Donnerstag und am Donnerstag (keiner weiß, warum gerade donnerstags) gibt es bei uns zuhause Gnocchi. Oder zumindest durfte man darauf hoffen. Das war gestattet, jederzeit: die Hoffnung. Meistens endete es mit dem üblichen Reisgericht, dem gewohnten Zank zwischen den Geschwistern, den Ordnungsrufen. Wer weiß, ob Mutter sie immer noch macht, die Gnocchi, jetzt, wo sie dort oben ist, und in ihrer gewohnten Art jenen Rest von Lächeln in den Kartoffelteig knetet, der uns weitermachen lässt. Ich bin trotzdem groß geworden, bin in die Stadt gezogen, die Welt hat sich rasch verändert. Ich habe es geschätzt, dass man seine Notdurft verrichten konnte, ohne ins Freie gehen und sich im Schnee den Hintern abfrieren zu müssen. Es gab auch einen Ofen und es gab Supermärkte, es gab Autos und es gab den Fortschritt. Nun, da ich älter werde, halte ich inne und betrachte, einigermaßen ratlos, diesen ganzen „Fortschritt“. Und fühle mich ein wenig verloren dabei. Als wir klein waren, spielten wir „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ und stellten uns vor, weiß Gott was für ein furchterregendes Scheusal dieses schwarze Wesen sein musste, das eigentlich gar nicht schwarz war. Denn Schwarze gab es hier oben bei uns weit und breit keine. Und wenn gelegentlich ein farbiger Amerikaner kam, sah man ihn ein bisschen verwundert, ein bisschen besorgt, auf jeden Fall neugierig an. Und dann kamen sie, die Fremden, und man stellte fest, dass sie arme Teufel waren, genauso wie wir es gewesen waren. Als Kind macht einem die Angst Angst, ohne dass man sie genau mit jemand oder etwas identifiziert. Meine Tochter spielt jetzt im Kindergarten mit einem kleinen schwarzen Mädchen, schwärzer geht`s nicht, einer Chinesin mit zwei überaus sympathischen Schlitzen anstelle der Augen, und einem moldauischen Mädchen, etwas Blonderes kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn ich hinzufüge, dass wir unsere Tochter aus Kolumbien adoptiert haben, dann würde ich sagen, wir sollten daran denken, dass die wahre Zugehörigkeit die zu jenem Land ist, das uns hervorgebracht hat, das uns hat Wurzeln schlagen lassen, in dem wir aber auch fliegen und kennenlernen, vergleichen und erkennen konnten! Diese Kinder zeigen mir, dass die Welt unendlich groß, aber auch ganz klein, winzig klein ist. Dass wir vor diesem unglaubhaften und wenig plausiblen „schwarzen Mann“ Angst hatten, weil er uns einfing und zu Verlierern des Wettkampfs machte. Mein Vater, der Kriegsgefangener in Deutschland war, erzählte wenig von seiner Gefangenschaft, aber wenn er dann doch von den Schlägen und Entbehrungen berichtete, erwähnte er voller Rührung den Wärter, der ihm heimlich eine Kartoffel oder ein Stück hartes schwarzes Brot zusteckte. Und so glaube ich, dass diese Kinder, die sich an den Händen halten, wenn sie aus der Schule kommen, uns fragen würden, wieso wir nicht verstehen. Wir begreifen nicht, dass die Welt in der Tat gewalttätig ist und dass es Krieg gibt und dass da auch unsere Gleichgültigkeit und unser Nichtverstehenwollen ist. Und dieser Welt gehöre ich an, einer Welt bestehend aus einer Schale Reis, einem Kinderlachen, jenem „alle zu Boden!“, bei dem wir uns immerfort im Kreis drehten und uns an unserer eigenen Freude berauschten. Wir sind so gedankenlos und gleichgültig und oberflächlich. Wir nehmen nicht einmal mehr uns selbst wahr. Meine Mutter dort oben hat gewiss für alle den Tisch gedeckt, für die schwarzen und gelben, die fetten und mageren Engel. Womöglich wird sie versuchen, die Fetten beim Essen ein bisschen einzubremsen, danach aber wird sie alle zum Zähneputzen schicken. Man wird auf die köstlichen Gnocchi hoffen. Sie aber wird wiederholen: Salz und Brot macht Wangen rot und wird uns alle segnen, Weiße, Schwarze, Rote, Gelbe, Lachende und Schmollende, Fröhliche und Lustlose, Stille und Laute.


Anmerkung: die kursiv gesetzten Stellen sind aus der Volkstradition entlehnte italienische Sprichwörter
 
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