What else?

Stefano Girardi
03.07.2019
 
What else?
Ich öffne das Fenster und eine schneidende Luft strömt in das Zimmer. Erst in diesem Augenblick nehme ich den Geruch unserer Körper wahr.
Vom Balkon aus kann ich das Gehöft sehen, das über dem Tal thront: die Leute dort sind bereits an der Arbeit und ich sehe, wie sie sich hektisch zu schaffen machen, während die bereits gemolkenen Kühe auf die Weide strömen. Gleich werden ihre Schellen im Rhythmus des Grasrupfens ertönen.
„Komm, steh auf. Wir müssen los“.
Als Antwort dreht sie sich auf die andere Seite, wobei sie das Gesäß entblößt. Jedes Mal, wenn sie das tut, kommt mir der Zweifel, ob sie mich provozieren will oder ob es nur Trägheit ist. Doch zu dieser Tageszeit weiß sie ziemlich genau, dass ich nicht umdisponieren werde, und so kokettiert sie damit, sich bitten zu lassen.
Ich nehme die Gelegenheit wahr, um die Pullover hereinzuholen, die wir gestern Abend zum Trocknen an die Luft gehängt haben. Ich gehe am Bett vorbei und gebe ihr einen Klaps auf die rechte Hinterbacke. Sie macht einen Satz und rollt sich zu einem Ei zusammen.
„Lass dich nicht bitten. Du musst aufstehen!“
„Neeein, lass mich schlafen. Es dämmert erst!”
„Pass auf, jetzt kommt die andere Backe dran!“
Die Drohung genügt, um sie wachzurütteln; sie kommt wie eine Schildkröte unter dem Betttuch hervor.
Während ich die Schuhe anziehe, höre ich das Wasser im Bad rauschen, und kurz danach verlässt sie es, schon fast fertig, natürlich nur für das Frühstück. Nach einer Stunde können wir endlich los.
Ich schnüre mir die Bergschuhe und ziehe sie mit einer Doppelschlaufe fest.
„Aha, du hast es kapiert“, meint sie unvermittelt. Dann beginnt sie zu lachen.
„Jedes Mal lachst du. Du bist echt undankbar. Neulich hätte ich draufgehen können“.
„Du hast aber nur ein paar Schrammen abbekommen. Der Sturz war jedoch heftig. Weißt du noch, wie sich die beiden Deutschen ruckartig umgedreht haben?“
Sie hatten etwas gerufen, doch wir hatten nicht verstanden. Wir lachten schon. Ich hatte mehr Angst um die beiden als um mich. Ich hatte die Schnürsenkel der Bergschuhe nur mit einer Schlaufe verknotet und jener des linken Schuhs hatte sich in den Haken des rechten verfangen, sodass meine Beine blockiert wurden und ich stürzte. Das Gepolter hatte die Wanderung der beiden Deutschen unterbrochen und nach dem ersten Schreck hatten sie mir sofort ihre Hilfe angeboten. Am Ende war es mit ein paar Schrammen an den Händen abgegangen und wir konnten darüber lachen.
Wir machen uns auf den Weg und legen ein paar hundert Meter zurück, bevor wir den Steig 504 nehmen. Ich habe ihr noch nicht gesagt, dass unser Ziel die Schutzhütte Cesare Battisti auf 2.380 m ist, ich traute mich nicht. Wenn sie es erfuhr, würde sie womöglich wie ein Maulesel bocken und mich zwingen, eine leichtere Route zu wählen. Zum Glück ist es ein schöner Tag und ist es überhaupt nicht heiß.
Nach einer knappen halben Stunde führt der Steig an einer Hütte vorbei, wo einige Fahnen kundtun, dass sie geöffnet ist. Eigentlich weht einem schon von Weitem der Geruch von Gulasch entgegen.
Ein Mädchen mit blauer Schürze eilt mit Kaiserschmarren und Bierkrügen von Tisch zu Tisch, und wenn sie stehen bleibt, öffnet sie ihre Gürteltasche, um mit den Gästen abzurechnen. Ich frage mich jedes Mal, wie sie es fertigbringen, dass sie alle gleich aussehen. In erster Linie sind sie alle hübsch.
„Ich glaube, die unterziehen sie einer Prüfung, bevor sie sie anstellen“, sage ich zu Sarah, die mir im Abstand von einigen Metern folgt.
„Wen unterziehen sie einer Prüfung?“
„Die Kellnerinnen, wen sonst? Siehst du nicht, dass sie sich alle ähneln?“
„Dir entgeht aber auch gar nichts, nicht wahr?“
„Ach was, schimpf nicht mit mir. Ich konnte nicht anders. Möchtest du eine Pause machen?“
„Nein, lieber nicht. Ich bin noch nicht müde, gehen wir weiter“.
Wir gehen an der Hütte vorbei und winken zum Gruß, passieren ein Gatter, das den Steig versperrt, und sind wieder auf dem 504. Jenseits eines Tannenwäldchens steigt der Pfad an der Flanke des Berges hoch, der Schritt für Schritt näher kommt.
Auf der Wiese grasen etwa ein Dutzend Kühe, die auf der Weide hin und her trotten; zwei liegen träge genau auf dem Steig. Sarah bleibt hinter mir stehen.
„Was machen wir jetzt? Die sind richtig groß, ausgerechnet auf unserem Steig mussten sie sich niederlassen!“
„Eigentlich wäre das ihr Zuhause. Wir sind es, die ihr Wohnzimmer betreten haben. Hab keine Angst. Einfach nur keine abrupten Bewegungen machen“.
Wir gehen vorsichtig weiter. Die Tiere betrachten uns mit Überlegenheit und fahren mit dem Wiederkäuen fort. Rechts ist eine Pezzata Rossa mit einem lebhaften Kalb an ihrer Seite.
„Das ist eine Simmenthal“, erkläre ich Sarah.
„Warum haben sie ihr den Namen der Dose gegeben?“
„Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Das Dosenfleisch ist nach der Rasse benannt. Simmenthal ist einer Rinderrasse, die man auch Pezzata Rossa nennt“.
Etwas später begegnen wir einer Familie. Der Vater trägt ein quirliges blondes Mädchen von drei oder vier Jahren auf den Schultern. Dahinter ein Junge von etwa zwölf Jahren, der etwas trödelt; wahrscheinlich ist die Wanderung nicht gerade das, was er heute machen wollte. Am Ende die Mutter mit ein paar Blumen in der Hand.
„Guten Tag”, grüßen wir. „Schöne Wanderung!“ antworten sie.
Nach wenigen Schritten sind sie wieder anonyme Touristen.
„Hast du dich nie gefragt, warum man sich im Gebirge spontan grüßt?“ frage ich Sarah.
„Vielleicht, weil wir müde sind und müden Menschen begegnen“.
„Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht grüßen wir, weil wir entspannt sind. Denn auch wenn wir müde sind, haben wir den Kopf frei und werden wieder menschlich“.
Wir plaudern weiter, während sich der Steig einem weiteren Gatter nähert. Auf der Seite ist ein vorgeschriebener Durchlass, den nur die Menschen passieren können. Die Kühe kommen nicht durch. Sie gehen über den Hauptweg, wenn der Durchgang offen ist.
Gleich danach wird der Steig schwierig. Ein Auf und Ab zwischen Felsblöcken und Strauchwerk und danach eine Reihe von Stufen, die in die Erde gegraben und mit Baumstämmen befestigt sind. Wir begegnen noch weiteren Touristen und es ist wie auf einer Hochzeit: es fehlen nur die Küsschen.
Nach zwanzig Minuten Wanderung kapieren wir, dass wir mindestens hundert Meter tiefer sind und dass sich das Gatter mit dem vorgeschriebenen Durchlass nun hoch über uns befindet.
„Nur gut, dass es bergab geht“, sagt Sarah zu mir, „ich darf nicht daran denken, wie es wäre, den Steig im Aufstieg zu machen“.
„Nun, da haben wir ja Glück. Sieh dir die beiden an!“
Kaum habe ich den Satz beendet, da sehen wir zwei Radfahrer mit dem Mountainbike kommen. Sie tragen ein klassisches zweifarbiges Outfit und einen kleinen Rücksack.
„Für mich sind sie vom Weg abgekommen“, flüstere ich. „Das ist kein Radweg“.
„Ich beneide sie nicht“, antwortet Sarah. „Wie kommen sie da hoch! Wie weit ist es noch bis zur Schutzhütte?”
„Komm, lass dich nicht entmutigen. Bisher warst du gut, besser als ein Steinbock! Wir müssen noch um den Kamm herum, dann folgt der Schlussanstieg“.
Die Aufmunterung erhält gleich durch ein paar Regentropfen einen Dämpfer. Wolken sind aufgezogen und der Himmel hat sich verdunkelt. Ès ist ein leichter Regen und zum Glück dauert er nur zehn Minuten.
Der Steig verläuft nun am Fels entlang, ein etwas mehr als einen Meter breiter Pfad, der uns zwingt, hintereinander zu gehen. Vorher haben wir uns oft an der Hand gehalten. Ganz oben, umgeben von Felswänden und Geröllhalden, erblicken wir die Schutzhütte. Sie scheint nahe, doch wir brauchen eine weitere Stunde, bis wir sie erreichen. Die letzten Meter sind sehr anstrengend.
Bier, Eier, Speck und Kartoffeln. What else? Ich sehe ihr zu, wie sie zufrieden isst, und kann mich nicht zurückhalten.
„Darf ich dir etwas sagen?“
„Was ist?“ antwortet sie mit dem Bissen im Mund.
„Nichts, nur dass ich dich liebe!“

Übersetzung: Werner Menapace
 
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