Wir fahren jetzt ans Meer!

Ulrike Dubis
01.09.2012
 
Wir fahren jetzt ans Meer!
Esther schlief tief und fest, und wie immer klemmte sie ihre Puppe Martha ganz fest zwischen Arm, Hals und Kopfkissen, gerade so, als wollte jede Nacht jemand kommen, um sie ihr zu stehlen. Aus dem Salon drangen wie Wogen die Stimmen von Vater und Mutter, erst leise tuschelnd wie sich kräuselnde Wellen, dann bäumten sich die Worte meines Vaters gischend auf, um dann wieder in gurgelndem Flüstern zu versiegen, das meine neugierigen Ohren trotz aller Mühe nicht festzuhalten vermochten. Ich schlug die Decke um, ließ meine nackten Füße vorsichtig auf die hölzernen Dielen tapsen, schlich in Richtung Flur, sorgsam jene Bretter meidend, die mich leise knarrend verraten hätten. Das Licht im Salon malte einen schmalen Streifen auf den Flurteppich, dem ich auf Zehenspitzen in großem Bogen auswich, um mich an den Schrank neben der Tür zum Salon zu schmiegen. Sicher diskutieren sie noch immer über das Restaurant, in dem wir mit den Verwandten nach meiner Bat Mitzwa feiern wollten. Über solche Dinge konnten Vater und Mutter ewig streiten, unsinnig, sie hätten doch einfach mich fragen können, schließlich war es mein Fest. Aber mich fragte ja nie wer. „Erst acht Jahre alt“, hörte ich meine Mutter sagen. Also ging es wieder einmal um Esther. Vereinzelt schwammen Worte mit dem Licht hinaus zu mir auf den Flur, „die Zeiten haben sich geändert“, „Fremdsprachen“ und „sehr gut, du wirst sehen“, dann hörte ich noch wispernd meinen Namen herausfließen und die Stimmen verebbten in ihrer Umarmung.



Nie im Leben, dachte ich. Niemals in meinem Leben werde ich hier einsteigen. Eine Bahn, die frei in der Luft schwebte und nur oben von dicken Seilen gehalten wurde, näherte sich uns bedrohlich surrend. Masten hielten diese Seile zwar fest, doch jedes Mal, wenn die Schwebebahn einen solchen passierte, bewegte sie sich besorgniserregend schwankend auf und ab. Der Berg, auf den wir da hinaufsollten, war so hoch, dass man seine Spitze gar nicht sehen konnte, geschweige denn, was hinter dem Berg lag. Überhaupt hielten hier, wohin man auch blickte, enorm hohe Berge den Blick gefangen und verschluckten die Sonne viel früher als in meiner fernen Stadt. In meiner Stadt würden Berta und Anna jetzt wohl gerade ohne mich durch den Zaun in den Garten der Knabenschule spähen und sich kichernd verstecken, wenn es einer der Jungen bemerkte. Ich schloss die Augen und rieb mit meinen Fingern den Talisman, den sie mir zur Bat Mitzwa geschenkt hatten, in der Hoffnung, er würde mich über die Berge zurück in meine Stadt schweben lassen, ohne Gondel und ohne Schwerkraft, nur bitte weit weg von diesem Internat namens Alpinschule Vigiljoch, zu dem ich jetzt hinauf und wer weiß wie lange bleiben sollte. Mutter zupfte an meinem Ärmel. Ich sah Esther fröhlich plaudernd mit Vater, der ihr von Skikursen und Schnee vorschwärmte, die Schwebebahn betreten. Der Schaffner der Seilbahn vollführte eine lustige Verbeugung, die sie lachend mit einem Knicks erwiderte – die charmante Esther. „Ich will nicht“, flehte ich meine Mutter an, stocksteif und fröstelnd vor Beklemmung. „Ich krieg‘ keine Luft. Mir ist schlecht.“ Mutter packte mich am Arm und schubste mich in die Gondel, wir waren die Letzten. Mit einem Ruck schloss der Schaffner die Tür.



Tante Moi besaß Augen von solch freudestrahlender Klarheit und Reinheit, dass ich in ihren Blicken am liebsten ertrunken wäre, so sehr nährten sie meine bockig melancholische Seele mit Frieden und dem, was fehlte, und machten sie zufrieden und satt. Tante Moi, die eigentlich Maria hieß und gar nicht unsere Tante, sondern die Köchin unseres Internats war, stammte aus einem der Dörfer der Gegend, und so wenig sie von meinen Erzählungen über das Leben in der großen Stadt im Norden Deutschlands und dem Gemenge der Kulturen auch verstehen mochte, so groß war ihr Herz und ihr Wissen über die Dinge, die im Leben wirklich zählen und das, was gut und richtig ist. Von ihrer inneren Zufriedenheit und ihrer Güte, die ihre Bescheidenheit verantwortete, schenkte sie uns Kindern zu jeder Zeit so viel sich unsere Herzen wünschen konnten, um das Fremdsein hier auf dem Vigiljoch ein bisschen zu vergessen. An diesem Freitag war ich nach dem Unterricht wieder zu Tante Moi in die Küche geschlichen. Vor meinen entzückten Augen schnitt sie mit flinken Fingern Äpfel in kleine schmale Scheiben und füllte Rosinen in einen tiefen weißen Emailteller mit blauem Rand, von denen ich naschen durfte, wenn sie – und das hat sie ganz sicher absichtlich getan – ganz vertieft war ins Wegschauen-und-es-nicht-Bemerken. Tante Moi zog den Strudelteig über das riesige Nudelbrett, bis er so dünn war, dass man durchsehen konnte. Freitags buk sie immer Strudel für das bevorstehende Sabbatfest. Manchmal hat sie mich helfen lassen, aber immer, wenn ich am Strudelteig zog, haben meine Finger sofort ein Loch in den so wundersam dünnen Teig gebohrt, dass ich ihn gleich beschämt wieder sinken ließ. Sie hat dann nur gelacht und so schnell, wie man fast nicht schauen kann, den Teig über die Äpfel geschlagen, bis sie zur Gänze eingewickelt waren, den herrlichen Strudel mit Ei bepinselt, damit er schön gelb und knusprig würde und ihn dann flugs in den Ofen geschoben. Tante Moi klatschte sich das Mehl von den Händen, schaute auf die Uhr, „euren Tscholent mache ich morgen fertig, das muss reichen für heute“, und zog ihre Schürze aus. „Du bist eben unsere allerliebste und allerbeste Schabbat-Goj“, sagte ich ihr mit schmeichelnd-verschwörerischem Unterton. „Na Mädel, was redest du da für Sachen, von denen ich nichts versteh‘‘, scheuchte sie mich weg. „Na, dann bist du eben unsere liebste Shabbat-Moi – Goj – Moi – das reimt sich sogar“, lachte ich und lief aus der Küche, und wieder einmal hatte ich ein Stück Traurigkeit einfach so bei ihr verschwinden lassen dürfen. Sie würde sie einfach wie lästiges Ungeziefer mit einem Besenschwung aus der Küche hinauskehren.



Auf dem grünen Holzbänkchen vor dem Haus, das Esther und ich und sieben weitere Mädchen bewohnten – wir Schülerinnen und Schüler der Alpinschule Vigiljoch waren auf verschiedene Wohneinheiten, die eigentlich recht hübsche Villen waren, aufgeteilt – saß Ruth und streichelte mit ihren Fingern über die moosigen Baumflechten, die vollgesogen mit den herbstlichen Nebeln prall und so weich geworden waren wie das Fell eines geliebten Haustiers. Sie winkte mich heran und ich setzte mich vor sie auf den Boden, in dem gebührenden Abstand, in dem man sich vor eine Ältere – Ruth war fast fünfzehn – setzt. Mit schnellen Bewegungen und mit gespielter Achtlosigkeit nestelte sie plötzlich an den Flechten, die sie gerade noch liebkost hatte, und schaute mich prüfend an. „Wen findest du besser? Den Simon oder den Josef?“ Ich zuckte mit den Schultern und log „keinen von beiden, wieso?“ Ruth war schlank und groß gewachsen, keineswegs hässlich, aber ihre Gesichtszüge waren vermutlich etwas unproportioniert geraten, und das hatten sie ein paar der Schüler und zu ihrem großen Leidwesen auch Simon schon mehr oder weniger deutlich spüren lassen. Sicherlich hatte sie bemerkt, dass Simon im Unterricht oder beim Essen öfters zu mir herübergespäht hatte. Sein Bruder Josef war sicher der hübschere von den beiden, fast blond und mit weichgezeichnetem Postkartengesicht, doch er wirkte auf mich sonderbar verloren und fast durchsichtig, wie ein Schatten seines Bruders. Simon hingegen, mit seinem wilden Lockenkopf, den verschmitzten Augen und einem Gesicht, das immer zu lachen schien, zog mich magisch an. Das lag wohl am Reiz der Gegensätze, oder an der Chemie, ich hätte es nicht sagen können.
Ruth ließ nicht locker. „Einen von den beiden musst du ja besser finden.“ In diesem Augenblick kam Esther aus dem Wald angerannt und näherte sich uns neugierig. Für ihre neun Jahre besaß sie ein erstaunliches Gespür dafür, Situationen blitzschnell zu überschauen. Nun durchlief es mich heiß und kalt vor Angst, meine quirlige vorlaute Schwester könnte etwas von den abendlichen Gesprächen in unserem gemeinsamen Zimmer preisgeben. „Redet ihr über Simon und Josef?“ Ruth warf Esther einen vernichtenden Blick zu, doch die ließ sich nicht beirren. „Es reden ja ohnehin alle über sie, die anderen sind sowieso allesamt indiskutabel. Meine Schwester“ zeigte sie mit dem Finger auf mich, „ist so schön, dass sie es sich aussuchen könnte, aber das interessiert sie ja nicht“. Ich versuchte, mein Erstaunen über die Loyalität und vor allem über ihre Meinung über mein Aussehen, die sie mir nie verraten hatte, zu verbergen. Da besann ich mich der Ermahnungen meiner Mutter, die sie mir in einem seltsamen Vier-Augen-Gespräch vor unserer Reise zum Vigiljoch mit ungewohntem Nachdruck eingetrichtert, die ich aber nie wirklich ernst genommen hatte. „Kind hör zu“, hatte sie gesagt und mir eindringlich in die Augen geschaut. „Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du nichts als deine trotzige Schwermut dir entgegenblicken. Andere jedoch urteilen unbefangener. Sie sehen deine wohlgeformten klaren Züge und deine zarte ebenmäßige Haut, die sie zu berühren sehnen. Achte auf dich, mein Kind. Und vor allem achte auf deine Seele. Nutze die Zeit in den Bergen, atme deren Unbeschwertheit und Leichtigkeit und lass dich davon anstecken. Du bist viel zu klug, um dich an Gram und Träume zu verschenken.“
„Na jedenfalls …“, sah Ruth das ‚Mädchengespräch’ wegen der Anwesenheit meiner kleinen, für derartige Diskussionen in ihren Augen unwürdigen Schwester als beendet an und wechselte das Thema, „habe ich einen Brief von meiner Mutter bekommen. Sie schreibt, dass sich die Zeiten geändert haben und dass sie es sehr gut findet, dass ich hier so viele Sprachen lerne. Mein Vater will nämlich in New York eine neue Arbeit annehmen und wahrscheinlich soll ich dann dort in eine echte englische Schule gehen, in New York.“ Nachdem sie ihre Überlegenheit damit nun doch noch hatte platzieren können, erhob sich Ruth und rieb sich die Arme, denn es war kühl geworden, und als sie sich umdrehte und ins Haus ging, tanzten die ersten Vigiljocher Schneeflocken unseres Lebens fröhlich auf uns herab.



Unsere Lehrerinnen tuschelten aufgeregt an ihrem Tisch. Gleich würde die Schulleiterin, die an diesem Tag ihren runden Geburtstag feierte, in den großen Speisesaal unseres Schulgebäudes kommen und mit viel Pomp und Trara, Blumen und Geschenken von der gesamten Schule beklatscht werden. Für uns geplagte Schüler hieß dies, dass wir endlich einmal einen Nachmittag frei hatten. Simon nutzte das Getümmel, um sich von seinem Platz zu schleichen und ich erschrak, als er mir plötzlich etwas unsanft einen zusammengefalteten Zettel in die Hand drückte. Ich nahm den Zettel und wollte ihn mir unauffällig in den Ärmel stecken, da sah ich seine Blicke aus meinen Augenwinkeln, die mir deuteten, ich solle gleich lesen, was darauf stand, bei dieser Aufregung würde es sowieso niemand bemerken – der übermütige fröhliche Simon. Also faltete ich den Zettel auseinander, stets die Mädchen, die mich umgaben, im Blickfeld. „Treffen wir uns bei unserem Baum. Wenn ich den Speisesaal verlasse, wartest du ein paar Minuten und folgst mir dann.“ Ich zerknüllte den Zettel und schaute mich vorsichtig um, um sicherzugehen, dass mich wohl niemand beobachtete. Doch in diesem Augenblick kam die Schulleiterin bei der Tür herein, alle klatschten jubelnd und ich nutzte die Gelegenheit, ihm zuzunicken. Noch einmal sollte man uns nicht zusammen erwischen. Zu unserem Glück hatte uns an jenem Tag vor ein paar Wochen nur Tante Moi gesehen, als sie im baufälligen Stadel im Wald hinter unserer Schule, den nie jemand betrat, etwas suchte. Die Arme hatte sich so sehr erschrocken, als sie uns im alten Futtertrog versteckt hocken sah, dass all ihre Bemühungen im Wegschauen-und-es-nicht-Bemerken irgendwie ungeschickt oder zumindest äußerst unglaubhaft wirkten. Nicht auszudenken, wäre einer der gefürchteten Briefe an unsere Eltern ergangen.



Tante Moi saß auf Esthers Bettkante und schaute ihr beim Schlafen zu. Obwohl sie mittlerweile fast zehn war – die Zeit verging hier wie im Fluge und das Vigiljoch war mir schon fast eine neue Heimat geworden – hielt Esther ihre Puppe noch immer jede Nacht fest an sich gedrückt. Ich schlug die Augen auf und saß binnen weniger Sekunden kerzengerade auf meinem Bett. Denn so oft ich Tante Moi auch in der Küche besucht und mit ihr stundenlang Gedanken und Gefühle ausgetauscht hatte, niemals hatte sie die Häuser betreten, in denen wir Kinder wohnten, schon gar nicht um diese frühe Uhrzeit. Und niemals hatte ich in ihren Augen diesen Schleier der Traurigkeit gesehen, der eigentlich mir vorbehalten war, den sie ihrerseits so oft und so erfolgreich einfach aus meinen Augen hinausgewischt hatte. Tante Moi las meinen besorgten Blick. „Kind, steh auf, wir müssen packen, eure Eltern sind schon auf dem Weg. Die Zeiten haben sich geändert.“ Dann ging alles ziemlich schnell, Tante Moi half der verschlafenen Esther, ihre Habseligkeiten im Koffer zu verstauen, und auch ich beeilte mich, mit dem Tempo, das Tante Moi vorgab, mitzuhalten. Als wir das Haus verließen, sah ich, dass auch die anderen Schülerinnen unserer Wohneinheit ihre Sachen gepackt hatten und eilig das Haus verließen. Ich drehte mich noch einmal zur grünen Bank um. Wie übermächtige Wogen schäumten Erinnerungen in mir auf, sodass ich fast keine Luft bekam: an die argwöhnische Ruth, die mir berechtigterweise nicht hatte glauben wollen, an die geheimen Treffen mit Simon und an den herrlichen Strudel von Tante Moi, den ich mir in meinem Leben niemals zu vergessen schwor. Denn auf einmal wurde mir schlagartig bewusst, Tante Mois Blicke mussten es verraten haben, dass ich diesen Ort für immer verlassen musste. Einfach so, mitten im Schuljahr. Esther packte mich am Arm, mit Tränen in den Augen. „Ich hab meine Hausaufgabe für Englisch vergessen“ wimmerte sie in meine Aufgewühltheit hinein. „Das ist jetzt egal“, fuhr ich sie, zornig auf ihre Naivität, an, versuchte mich von ihrem Klammergriff zu lösen und überlegte es mir dann doch anders. Wenigstens einmal musste ich der gutmütigen Esther auch eine angemessene Schwester sein. Das noble Berghotel kam immer näher, Tante Moi keuchte unter der Last unserer Koffer. Die Schulleiterin und viele unserer Lehrerinnen halfen den anderen Schülern, deren Koffer und Taschen den Weg eilig hinauf zur Seilbahn zu befördern, die gesamte Schule befand sich im Aufbruch. Einigen von ihnen kamen bereits die Eltern entgegen. Weiter vorn erblickte ich Ruth mit ihrem Vater, die unserer Englischlehrerin gegenüber damit prahlte, dass sie nun nach New York ginge, was unsere Lehrerin angesichts der befangenen Stimmung allerdings nur mit einem teilnahmslosen Nicken beantwortete.
Die ersten Familien fuhren mit der Seilbahn ins Tal und wir Verbleibenden winkten unseren Mitschülern eifrig hinterher. Tante Moi sagte „mein Mädchen, mein Mädchen“ und drückte mich ganz lange und so fest an ihren Busen, dass sich ihre Liebe unwiederbringlich in mein Herz einbrannte. Weitere Schwebebahnen, die an diesem denkwürdigen Tag im Viertelstundentakt fuhren, brachten, eine nach der anderen, die Familien hinab nach Lana zum Bahnhof, die Schulleiterin sprach lobende Worte über jeden Schüler und wünschte alles Gute, während sie den jeweiligen Eltern zum Abschied mit kräftigem Druck die Hände schüttelte. Simon und Josef bohrten mit ihren Schuhspitzen Löcher in den Kiesweg und bewarfen sich mit Grashalmen, ein heißer Tag bahnte sich an. Esther drückte meine Hand und schaute mit zusammengekniffenen Augen auf die nächste herannahende Seilbahn, „in der da müssen endlich unsere Eltern drin sein“. Simon und Josef waren, wie wir, als einzige noch hier und kamen nun auch zu uns, weil es ja kein ‚blödes Gerede‘ mehr geben würde und weil man von hier aus die Seilbahn besser im Auge hatte. Simon schaute mich an und wollte etwas sagen, wurde aber feuerrot im Gesicht und stammelte nur ein paar wirre Worte, die ich nicht verstand. Esther riss sich von mir los und stürmte auf unseren Vater zu, der in ein Gespräch mit Simons Vater vertieft war, sie aber herbeilaufen sah, mit Schwung hochhob, innig herzte und küsste. „Wir fahren jetzt ans Meer, und dann mit dem Schiff“, schrie Esther aufgeregt und vergnügt zu mir hinüber. Unsere Mütter sprachen sehr freundschaftlich besorgt miteinander, als ob sie sich schon lange kennen würden, uns hatte nie jemand davon erzählt. Josef strahlte seine Mutter an, wie ich ihn nie hatte strahlen gesehen, Simon drückte seinen Eltern mit fast förmlicher Distanz die Hand. Der Schaffner verstaute unser Gepäck in der Seilbahn, ich klammerte mich innerlich an die Augen von Tante Moi, die ein Taschentuch zückte, und wie damals bei der Ankunft schubste mich Mutter energisch in die Gondel. Mit einem Ruck schloss die Tür, die Stimmen draußen versiegten. Wie gerne hätte ich jetzt Simons Hand gedrückt, wie gerne wäre ich in Tante Mois vertrauten Blicken versunken, die mir nachwinkte und von Pfeiler zu Pfeiler immer kleiner wurde, bis sie hinter Lärchen verschwand.



Immer wenn sich der Ozean vor meinem Fenster in Kapstadt wütend aufbäumt, schließe ich die Augen, damit das Rauschen der Wogen dem Klang des Windes in den Lärchen weicht. Dann sehe ich Esther und mich auf dem grünen Bänklein vor unserem Haus auf dem Vigiljoch sitzen, dann wärmen mich Tante Mois strahlende Augen und das fröhliche Lachen Simons, der mich glücklicherweise fast mein ganzes langes Leben begleitet hat. Und dann entzücken mich die fröhlich tanzenden Schneeflocken, von denen ich in dieser Form und Schönheit leider nie mehr welche gesehen habe.


 
 
 
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