Wo die Welt geschieht

Mariasole Ariot
11.04.2015
 
Wo die Welt geschieht
Wo gehen wir hin?
Wir gehen dorthin, wo die Menschen verschwinden.
Und wo verschwinden die Menschen, Mutter?
Die Menschen verschwinden hinter den Bergen, wo die Zeit stehen bleibt.

Die Zeit liegt im Blick derer, die sie verloren haben.


In der Zeit, als er allein spielte, setzte er sich vor den Spiegel und sah solange auf einen Punkt seines Gesichts, bis das Gesicht verschwand: Es wurde zu Ton, seine Konturen und Furchen verschwanden, es verschwanden die Augen, die Vertiefungen, die Zunge, die Backenknochen und Nasenhöhlen, es verschwand sein Hintergrund, es verschwand das Innere.
Es war keine Frage der Konzentration, noch des Könnens, es war eher ein Zauber des Blicks: Aufhören, die Minuten zu zählen, die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt leiten, warten, bis die Mitte seiner selbst aus der Mitte fiel, in der Landschaft dahinter verschwinden, die Zeit verlieren, nicht mehr Zeit sein, keine Geschichte mehr haben, den Lebenslauf der Geschichte auslöschen.

Dann stand er auf und sagte "Mutter, sieh mich an, ich hab die Zeit angehalten."

Zusammen hieß also: wandern, bis das Keuchen ihnen die Worte nahm, Kehle und Stille verschleißen lassen, seine Form verlieren, den Körper über die Berge ausbreiten, Felsen werden. Jeden Tag im Morgengrauen brachte sie ihn zur Stelle, wo der Weg anfing, riss die Richtungen aus der Erde, löschte die Wegweiser aus: Mit umgekehrter Bewegung riss sie aus, nahm weg, löschte.

Alles war dem Verderben geweiht, dem Aufstieg, dem Abstieg, der Entfremdung der Blätter unter den Füßen.
Sie sagte: „Die Stille ist eine Frau: Sie hat einen Bauch, wie der Berg einen hat.“ Er betrachtete die Höhlen, die kleinen Risse, die Bäche. Seine erste Frau war die Stille gewesen.

Als sie kurzatmig wurden, kehrten sie um und gingen nach Hause. Er setzte sich vor den Spiegel, sie richtete das warme Essen an, wickelte die Nacht ein.

Er stand auf und sagte "Mutter, sieh mich an, ich hab die Zeit angehalten."

Jeden Tag liefen sie den Steilhang weiter hinauf, bis zu der Stelle, an der man sowohl den Aufbruch als auch das Ziel vergessen konnte: Die Vergangenheit hatte keine Zukunft, die Zukunft bedurfte keiner Vergangenheit. Die Zeit verging, die Beine streckten sich. Die Seelen häuften sich im Magen auf, und er hätte sie fragen wollen: „Warum gehen wir nicht weiter, Mutter? Warum kehren wir immer wieder um?“
Während die Welt doppelt schnell weiter ging, hatte sie die Aufhebung des Nicht-Sterben-Wollens geschaffen. Wo sie die Zeit verkannte, suchte er nach der Stelle, an der alles endlich Halt machen konnte: Sich ein Ende setzen, ein Ziel, einen Abgrund.

Die Bewegungen der Felsbrocken rutschten ins Tal, kurz vor ihrem Zerfall blieben sie stehen, am Fuße eines unsichtbaren Hindernisses. Sie erzählte Geschichten, vom Wasser und von Bächen. Das Festland hatte einen Grund, sie sah keinen.
Wenn er fragte, was aus Ihnen geworden wäre, welche Spuren sie hinterlassen, was sie aufbauen würden, so antwortete sie nur: „Dein Blick ist noch zu scharf, Déodat. Die Zeit liegt dir noch im Blick.

So beschränkte er sich darauf, ihr zu folgen. Er hatte eine Mutter, und sie war wie Stille.
Während die Welt doppelt schnell weiter ging, brachte sie eine Aufmerksamkeit ohne Brennpunkt auf, die auf eine formal und inhaltlich unbekannte Unendlichkeit gerichtet war: Jenseits des Gipfels, jenseits des Tals, jenseits der verlorenen Vokalisierung.

Manchmal kehrten sie mit geschunden Füßen zurück, Dolomitenteilchen in den kleinen Falten, sie kümmerte sich um das Abendessen, küsste ihn am Hinterkopf, wickelte die Nacht ein.

„Mutter, warum kehren wir immer wieder um? Ich will den Himmel sehen.“
„Wir werden es tun, sobald du bereit bist. Sobald du die Zeit vergessen hast.“

Und so brachen sie wieder auf. Sie liefen kilometerweit, wurden schneller, wieder langsamer, sie sah auf die Erde, er schritt erhobenen Hauptes voran. An der Stelle, wo die Bäume ihre Kronen herabsenkten und die Weite zu sehen war, fuhr sie ihm durch die Hand, zog ihn an sich: „Jetzt kehren wir um. Die Zeit ist noch nicht gekommen.“

Bergab glitten sie auf den Blättern dahin, waren sich gegenseitig fremder, der Erde jedoch ähnlicher geworden. Kieselbedeckt kehrten sie heim, Kiefernnadeln drückten ihren Schlaf: Wenn der Mond hoch stand, entstand eine neue Welt auf dem blauen Weg der Enziane.

Sie kümmerte sich um das Abendessen, küsste ihn am Hinterkopf, wickelte die Nacht ein.

Doch die Nacht war weiß. Er zündete das Lichtchen hinten im Zimmer an und näherte sich dem Spiegel. Er wiederholte das Ritual und versuchte zu verschwinden. Doch es blieb etwas, ein Rand, eine zarte Linie, ein Körperfragment, das Bild einer Tanne, die Vision eines gebeugten Heidekrauts. Es blieb die Zeit. Es blieb ein Körper.

Die Zeit rann weiter und machte aus Minuten Städte.
Er blieb unbeweglich, in der Hütte in der Talsohle ertrug er einen unsagbaren Schmerz. Kein Schlagen, wenn nicht das innere.

Am dunkelsten Tage stand Déodat auf. Den Spiegel zerbrach er, jeder Splitter widerspiegelte ein bestimmtes Licht. Um einen Körper aufzubauen, musst du ihn erst zerlegen, sagte er sich wieder und wieder.
Achtsamkeit hieß nicht mehr warten. Nicht mehr warten hieß nicht mehr achtsam sein. Er stieg über den Rost der Gegenwart, häutete alles Übermaß, schwamm flussaufwärts wie ein Süßwassertier, stürzte ab im Traum und kleidete das verneinte Getöse. Er schloss die Tür seiner Mutter: Die stillstehenden Uhren, das versteckte Leben der Pflanzen, die ewige Ruhe, das Unbewegliche.
Er küsste ihren Hinterkopf, löste die Nacht auf, riss das Freie auf.

Das Nächtliche erforderte einen Anstieg, und Déodat stieg und stieg, stolperte in seiner Zerstreutheit, sank ein in die Mulden der entwendeten Wegweiser, seine Augenlinsen sahen nichts, fingen dennoch Licht ein: Die Himmelswölbung, die Schlangen um die Knöchel. Alles war ein Blätterrascheln, auf der Seite der Blinden und der Moose.
Am höchsten Punkt öffnete er seine Augen: Der gähnende Abgrund, das Alpenglühen im Morgengrauen war schon wieder Dämmerung. Er breitete die Äste auf der Wiese aus, tauchte in den Schwarzsee ein.

Die Unrast der Welt im Tal ging weiter und weiter, erkünstelte Lichter beleuchteten satte Bäuche, die Städte schrien weiter, füllten alle Augenblicke, Zwischenräume, die Falten der Dinge, die Häuser, die Stimmen in den Stimmen.

Mutter, schau mich nicht an: Es ist nicht mehr Zeit.
Mutter, ich habe die Zeit nicht angehalten, niemals.



Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi
 
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