Zwischenraum

Astrid Kofler
15.09.2011
 
Zwischenraum
Adda ist der einzige Fahrgast, es ist Nachmittag, es regnet. 39 Metallpfeiler waren es damals, steht auf einem Plakat in der Talstation. Die Fahrt auf den Berg war eine Fahrt in die Freiheit. Heute sind es noch vier. Der Charme, so steht es, ist geblieben.
Der Endsommerregen prasselt an die Scheiben der Kabine, das Tal liegt bald im Nebel, die Bäume hängen mehr an den Felsen, als dass sie darauf stehen, umarmen mit den Wurzeln die Blöcke. Adda drückt sich die Mittelfinger an die Ohren, reibt und gähnt; den Druck ausgleichen, sie ist es nicht gewohnt, es geht so schnell. Nach acht Minuten ist sie oben, der Asphaltstreifen vor dem Häuschen dampft, mündet in einen Weg aus Kiesel und Sand.
Die zweitälteste Schwebeseilbahn Europas, hat ihr der Schaffner erzählt, in wenigen Monaten ist sie 100. Nachbarschaft war hier Freundschaft, ein Zauberberg voller Mythen und Legenden. Schon spürt sie, was sie gehört hat und gelesen. Das Hotel liegt eingebuddelt wie eine braune Henne in einer Mulde, liegt hier, als würde es in Sand und Erde baden. Adda meldet sich an, geht ins Zimmer, legt den Koffer auf ein Tischchen, schlägt die Bettdecke auf. Der Duft nach Ferien, nach Weide, nach Luft. Laken im Wind getrocknet, Federn im Freien gelüftet. Den Koffer öffnet sie, um sich umzuziehen, sie muss in den Wald, jetzt noch, zwei Stunden der Rundweg, und drei bis zum Abendessen. Das geht sich aus.
Sie sucht die Wanderkarte, ein frisches T-Shirt. Das Weiß zieht von unten den Abhang hoch bis zum Balkon, zieht über die Wiesen, die Lärchen türmen sich wie die Spitzen von Kathedralen, grüne Schatten in Pastell. Obenauf im Gepäck die Bücher. Literatur, die sich seit Monaten auf ihrem Nachtkästchen sammelte, in der Küche, in der Hängematte auf dem überdachten Balkon, im Bad. Debütromane und preisgekrönte Bücher. Sie hat sich für den Urlaub eingedeckt, hatte Stunden in der Bücherei am Eck verbracht und geblättert, sich beraten lassen, sich verloren. Endlich wollte sie lesen.
Sie schnürt die Schuhe, nagelneu, fährt mit der Hand über den Verputz des Zimmers, die leisen Farben, nimmt die Windjacke aus der Tasche, das Regencape, versperrt die Tür und geht. Auf der Dachterrasse sieht der Koch unter dem Schirm nach den Kräutern, zieht die Planen vorsichtig darüber, um sie wieder vor dem Regen zu schützen. Es ist Adda, als wäre sie schon ewig hier, so offen, so verletzbar, so empfänglich, sie schmeckt den Duft des Thymians über die Mauern in die Tiefe fließen und die Höhe sie begleiten auf dem Steig.
Hinter dem Haus eine Wäscheleine, wie sie sie nur aus Filmen kennt. Und aus der Erinnerung. Die Leintücher bewegen sich kaum, sind schwer vom Nass. Der Strick hängt durch. Und wieder trifft ein Duft Addas Gedächtnis, ein Foto sieht sie im Familienalbum, links oben hatte die Mutter es eingeklebt, Adda und die Geschwister, wie die Latten eines Zaunes aneinandergereiht, im Hintergrund die Wäsche. Peinlich hatte die Großmutter das Foto gefunden, lauter Peinlichkeiten auf der Leine, die Unterhosen in sämtlichen Größen, verwaschen, Wollsocken, ausgeleiert, Schürzen, aufgetragen, Küchenhandtücher, zerschlissen. Durchlaufen sieht sie sich, das feuchte Klatschen im Gesicht fühlt sie, und sie hört das Flattern im Wind. Das Wehen des Windes so nehmen, dass man die Wäsche nicht erwischt, auch das war ein Spiel, den Raum dazwischen wie die Stangen beim Slalom umlaufen. Die Mutter hatte die Wäsche stets frühmorgens aufgehängt und zu Mittag abgenommen. Sie hat sie am Nachmittag über die Leine geworfen und am Abend eingeholt. Der Mittagssonne ausgesetzt hat sie sie nie. Und auch bei Vollmond hing sie die Wäsche nicht hinaus. Der Vollmond hinterlässt gelbe Streifen, wie die pralle Sonne es tut.
Fliegende Wäsche macht den Alltag leicht.
Die Wäsche der Mutter, ein Wetterdienst für die Nachbarn. Hängte sie sie zum Trocknen in den Wind, so taten es die anderen auch. Nahm sie sie vorzeitig ab, so wussten sie, es würde bald regnen.
Bunte Wäsche im Wind, Gebetsfahnen weltweit .
In der Schule musste Adda eine Wäscheleine malen und sie behängen. Strümpfe zeichnete sie, Pullover und Hosen. An Leintücher dachte sie nicht, Leintücher waren ihr weiße Flecken. Dass Leintücher Geschichten sind, vom Geborenwerden, von Freude und Leid, von Schweiß und Sterben, dass sie Bücher sind, denkt sie erst jetzt.
Zu einer Wegkreuzung kommt sie und entscheidet. Noch nie war sie hier, die Berge hinter Nebel und Lärchen kennt sie von Postkarten, sehen kann sie sie nicht. Tief zieht sie den Atem des Waldes ein. Bemerkt Häuschen versteckt hinter dunklem Holz mit grün lackierten Jalousien, verziert mit Edelweiß und roten Herzen, mit Blumen und Früchten und Tieren.
Adda geht in den Nebel. Angst hat sie nicht.
Ein einzelner Schuh liegt am Waldboden, modrig und feucht. Sie nimmt ihn hoch, schüttelt ihn aus, packt ihn in den Rucksack, ein Schuh für den Balkon in der Stadt. Eine Mahnung vielleicht, ein Andenken, wer weiß was, ein Souvenir.
Schon in der Kindheit hat sie Schuhe gefunden, wenn andere Pilze fanden. Bergschuhe mit Sohlen und ohne. Letzthin fand sie einen Wald voller Bäume mit roten und blauen Schriften. Markierungen waren es nicht, auch keine Hinweise von Förstern, dass dieser und jener Baum zu fällen wäre. Es sind Graffitis, hat ihr einer erzählt. Wie Jugendliche an Mauern mitteilen, dass sie hier waren, kennzeichnen in jenem Dorf manche Menschen die Stellen, an denen sie Pilze fanden. Hier war ich bereits, hier findest du nichts mehr. Im Grunde verraten sie damit ihre Plätze, denkt Adda. Einen Fliegenpilz entdeckt sie in der Größe von einem Golfball. Wo diese sind, sind Steinpilze nicht weit, hat die Großmutter gesagt. Doch sie schaut sich nicht um, sie geht.
Adda findet überall. Vielleicht nimmt deshalb ihr Leben Umwege und keine Geraden. Adda hat nie Großeltern gehabt, die vom Kriege erzählten, was sie wusste, war wenig. Der Großvater sei 1938 nicht auf den Heldenplatz gegangen, er habe zu seiner Frau gesagt, sie könne gehen, er ginge nicht. Das war jener von Wien gewesen, gestorben 1946, bevor der Sohn von der Front nach Hause kam, gestorben, weil es keine Medizinen gab, die ihn hätten retten können. Sie müsste stolz sein auf ihn, weil er sich rausgehalten hatte, kein Parteibuch, kein Nazi. Sie könnte stolz sein auf den Großvater aus Wien, sie ist es nicht. Dann müsste sie, vielleicht, böse sein auf den anderen.
Der andere, ein Südtiroler, hatte für das Auswandern ins Reich gestimmt, damals 1939. Gegangen war er nicht, aber optiert hatte er für draußen. Er wäre niemals gegangen, hat man in der Familie erzählt, aber was konnte man nachträglich noch wissen. Nachträglich haben viele gesagt, dass sie für Deutschland optiert, aber nie gegangen wären. Adda konnte glauben, aber wissen konnte sie nicht. Die Erinnerung, das sind nur Spuren.
Weiter geht sie, obwohl der Regen immer stärker wird. Das Nass perlt auf den neuen Schuhen, der Morast spritzt ihr auf die Waden, die Füße sind warm. Wir sind alle Kinder des Krieges, da unsere Mütter und Väter es sind, da es damals, als er herrschte, keinen Ort gab ohne Krieg, keinen Alltag ohne ihn.
Auch hier ist er gewesen. Auf diesem Joch, wo die Freiheit war. Er hat nicht getötet als Mann gegen Mann, als Volk gegen Volk. Er hat einer Familie den Vater genommen und den Kindern die unbeschwerten Ferien. Sie hatten hier die Sommer verbracht, während des Krieges, unter Bäumen, die man schütteln wollte nach dem Regen, auf Almen mit Blick zu den hellen Gipfeln, neben dem schwarzen See und den Schalensteinen, von denen niemand wusste, was ihr Sinn denn war. Land in Besitz nehmen, in geistigen Besitz. Den Göttern opfern, die Idee hat Adda schon lange begeistert.
Die hohen Lärchen in silbergraue Bartflechte gekleidet, die Zäune im selben Gewand. Von der Ferne das Geräusch des Sesselliftes, sie hatte ihn beim Aussteigen aus der Seilbahn gesehen. Das Gleiten der altmodischen Einzelsessel über die Rollen erinnert sie an das Quietschen der Wäscheleinen in Venedig, dort werden sie – behängt und meist über verrostete Kurbeln – von einem Fenster zum anderen gezogen. Über die Gasse, über den Kanal, durch den Wind.
Sie waren aus Wien angereist, die Mutter, die Kinder, der Vater, der aus Deutschland war und dort wirkte als Diplomat im Auswärtigen Dienst. Sie waren zu Gast bei einer jener Familien, die fürs Dableiben gewesen waren, sie wähnten sich fern der Geschichte. Der andere, dem das Häuschen hier gehörte, wurde zu einem der Gründer der Partei, die hierzulande noch immer die meisten Stimmen hat. Der eine wurde am 15. August 1944 in Berlin gehängt. Er war nicht dabei gewesen beim Attentat vom 20. Juli, anders als sein jüngerer Bruder, von Stauffenbergs Adjutant. Doch er hat sich verschworen, in diesem stillen Weiler hier und nur manche Bergkuppen weiter südöstlich. Er hat – gefangen genommen – vor dem Volksgerichtshof den Führer den Vollstrecker des Bösen genannt. Die Revolution war eine moralische, das Leben bewusst gesetzt. Befehl ist nicht Befehl.
Fünf Kinder hatte er, eines ward auf Adda getauft, so steht es geschrieben. Eines war hier nicht mehr gewesen, wurde geboren, als er starb. Sie hat nicht erwartet, dass diese Geschichte – vor so langer Zeit gelesen – ihr nun so nahe kam. Sie setzt sich auf eine Bank unter den Bäumen, das Wasser sammelt sich schon am schmalen Weg, sie nimmt das Handy aus der Tasche, um nach der Zeit zu sehen. Ein Krabbeln auf dem Bein, ein Schreck, die Spur einer Schnecke am Schuh. Sie steht wieder auf und geht, als müsse sie eine Wand durchbrechen, als wolle sie sich wehren gegen das, was sie berührt. Doch wehren will sie sich nicht. Sie fürchtet und liebt und braucht diese Momente der Grenzen.
Bäume hätte sie nie bemalt, und niemals hätte sie ihren Namen eingeritzt. Wände hat sie bemalt in der Kindheit, die in der Küche, die im Kinderzimmer. Die Mutter hat nicht geschimpft, sie hat weiße Farbe genommen und darübergepinselt. Nach einigen Wochen war die Farbe wieder da, hatte sich Tag für Tag nach außen gefressen. Der Vater hat dann Schleifpapier genommen und die Ölkreide von den Wänden geschabt. Die Mutter hat wieder gepinselt.
Dem Wind muss man zu essen geben, wenn er die Wäsche bläht, hatte ihr die Großmutter einst erzählt. Das sei nicht nur eine Sage. Man muss auch geben, wenn man nimmt. Adda legt einige Keks auf einen Baumstumpf, dass hier jemand wohnt, dessen ist sie sich sicher, unsichtbare elementare Wesen. Sie passen auf, sie pflegen die Erinnerung. Zum Kirchlein zieht es sie und weiter geht sie und steht vor einem Bildstock, drei Fotos, drei Namen. Drei Menschen sind hier verunglückt, es steht, viel zu früh hat der Herr sie zu sich geholt. Ein Jesus mit einem Tiroler Herzen. Wie sie starben, steht nicht, Adda will zu fragen nicht vergessen.
Der Nebel wird dichter, es schüttet, der Wald ist finster. Adda kehrt um. Sie hat noch Tage, um nach den Schalensteinen zu sehen, der Kirche, dem alten Heiligtum. Steine versickern nicht.
Drei Rehe schreckt sie auf und sieht sie vor sich flüchten. Die großen springen über den Zaun, das Kitz rennt an und schlägt dagegen und schafft es nicht und beginnt zu fiepen. Adda tritt zurück, die Geiß nimmt Schwung und spannt die Beine einem Bogen gleich, ereilt ihr Kind und findet mit ihm einen anderen Weg.
Sie geht an der Wäscheleine vorüber, sieht die Laken triefen und hängen. Die Leine hält, obwohl schwer sein muss, was an ihr zieht. Morgen wird die Sonne scheinen, stand im Wetterbericht. Sie geht ins Café vor dem Hotel, setzt sich unter dem Dachvorsprung ins Freie. Regen liegt auf den Tischen, aus schlichtem Holz sind sie und elegant. So glatt, dass die Tropfen springen und Ringe werfen.
Ihre Eltern waren immer nach Italien gefahren in die Ferien. Ein paar Stunden weiter von hier, in den Süden. Sie hätten auch nach Frankreich fahren können oder nach Spanien. Sie fuhren immer hierher. Hier mag man uns, hatte einst die Mutter gemeint, hier lässt man es uns nicht spüren, dass der Krieg unser Versagen war. Hier werden wir nicht geächtet, sagte sie. Man hat die gemeinsame Vergangenheit, denkt Adda, man hat sich abgesprochen vor dem Krieg und auch hinterher, als es galt, den Nazis zur Flucht zu verhelfen. Nicht aber in dieser Höh. Oder vielleicht auch hier. Wo Rebellen sind, ist auch Verrat. Warum hier nicht.
In ihrem Zimmer zieht sie sich um, duscht sich warm, wäscht die Bluse, legt sie über einen Bügel und knöpft sie zu, nimmt den Schirm und geht in den Garten, nimmt eine Wäscheklammer von den schweren Laken und fixiert die Bluse an die Leine. Sieht sie müde hängen im Regen. Sieht sie flattern und tanzen und den Wind zerren darin, als sie die Augen schließt; gibt ihm die letzten Kekse.
Den Schuh nimmt sie später aus dem Rucksack und setzt ihn auf das Nachtkästchen. Und überlegt, von wem er wohl war. Will wissen, wer die drei Toten sind und was da früher stand, vor dem Kirchlein. Was es auf sich hat mit den heilenden Quellen. Was mit dem Bärenbad. Ob das Häuschen noch steht, in dem während des Krieges noch Familie und Freiheit war. Sie nimmt einen Block und plant. Sie sieht aus dem Fenster und die Nebelwände zerreißen. Gleich ist es dunkel. Sie sieht die zehn Bücher neben dem Koffer. Nicht eines würde sie lesen in diesem Urlaub, fünf Seiten vor dem Lichtausknipsen, fünf Seiten maximal pro Tag.



 
 
 
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