Abwesenheiten. Anwesenheiten.

Maria Teresa Cusumano
 
Abwesenheiten. Anwesenheiten.
Weißes Mittagslicht, da und dort im Wettstreit mit dem Schatten der Tannen, und feiner Blütenflaum, der in langsamen Wirbeln durch das Grün treibt.
Ein Meer von Zwergkiefern bis auf einen Meter vor dem hölzernen Vorposten am Überhang, am Horizont ein regungsloser Gipfelkranz unter dem weißen Stillstand der Sonne im Zenit.
Unmerkliches Rascheln von Seitenumblättern, Gedanken, die beim Lesen innehalten und identische Zerbrechlichkeiten messen, unter der gedämpften Anwesenheit einer unwägbaren Leere und einer in der Luft schwebenden architektonischen Fülle.
- Hier sagte sie mir, dass ihr kommen würdet. Sie hatte alles sorgfältig arrangiert, mit Liebe fürs Detail. Sie meinte, ein langes Wochenende in den Bergen sei genau das Richtige, bevor ich zu dieser letzten humanitäre Mission ins Ausland aufbrach.
Ich sehe euch an, während ihr mir im Schatten der weißen Markise zuhört, die Bücher auf den Knien, klein, wie eure fünfzehn Jahre klein sind, groß, wie unser Verlust groß war – immens.
Um euren Schmerz zu beschreiben, genügt das Schweigen, hier, wenige Meter vom Hangwasser des Swimmingpools mit Überlaufbecken. Ihr seht mich an und mir ist, als habe ich keine Worte, doch ich spüre, dass ich erzählen muss und will.
- Sie fehlt ständig, sie fehlt so sehr – sagt ihr mir, und ich nicke, füge aber hinzu, dass sie nur deshalb so sehr fehlen kann, weil ihre Anwesenheit die Wurzel war: ein unaufhörliches Geschenk vervielfachten Lebens, eine unerschöpfliche Liebe, die bleibt, in uns weiterlebt und nicht verloren geht.
- Sie sagte, in diesen Bergen sei sie aufgewachsen und in diesen Bergen werde sie für immer bleiben. Sie sagte, die Berge würden unseren Geist festhalten und mit dem Universum verbinden. Deshalb war ihr daran gelegen, oft mit euch hierherauf zu kommen, damit ihr die Töne und Farben der Natur in diesen Tälern aufnehmt. Und ihr seid herangewachsen, indem ihr euch Teil eines Ganzen fühltet, das immer wiederkehrt.
Ich rede weiter mit euch, um euch zum Lächeln zu bringen, mit den vielen Anekdoten jener fernen Ankündigung.
Ich erzähle euch von der Schatzsuche unter den Kiefern; von den in einer Handvoll Zettelchen verstreuten Hinweisen, die ich noch zu Hause aufbewahre; von meiner ungläubigen Glückseligkeit auf die Nachricht hin, dass ihr zwei sein würdet, weil sich am Ende des Weges zwei Paar kleine weiße Babyschuhe auf dem Kopfkissen unseres Zimmers mit Blick auf die Gipfel vorfanden.
Ich erzähle euch, wie die Ferien ungewiss und gleichzeitig aufgeregt weitergingen und wie ich das dringende Bedürfnis verspürte, meine Teilnahme an jener letzten Auslandsreise abzusagen, wie eure Mutter aber darauf bestand: sie sagte, ich müsse meiner Verpflichtung nachkommen, ich dürfe die zugesagte Bereitschaft nicht zurückziehen.
- So war sie nämlich, eure Mutter: eine Frau, die empfindlich gegen Ungerechtigkeiten war. Fest in ihren Vorsätzen und gewillt, auch von den anderen zu verlangen, dass sie es in den ihren seien. Sie sagte wörtlich, wir könnten uns das Glück, das uns von euch zuteilwürde, nicht verdienen, wenn wir unsere Pflichten gegenüber dem Nächsten nicht erfüllten; dass mein Dienst mich jetzt zu dieser Reise verpflichtete: sie werde in den darauffolgenden zwei Monaten alles Notwendige erledigen, und nach meiner Rückkehr sei noch genügend Zeit, um an das Zimmer, an die Ausstattung und an alles Übrige zu denken.
Wir lachen, wenn wir an ihr sanft autoritäres Auftreten zurückdenken: gegenüber sich selbst, bei der Arbeit; gegenüber euch, beim Lernen; im Haus, mit den tausend Dingen, die zu tun waren. Wir erkennen, wie die von ihr auferlegten Rhythmen uns weiterhin Halt geben, uns als Gerüst in dieser so strukturlosen Zeit dienen.
Während ihr aufsteht, als euch die Freunde zum Mittagessen rufen, habe ich deutlich das Gefühl, dass euch unser Gespräch gutgetan hat, dass es euch aufgemuntert hat nach den ersten schwierigen Stunden im Anschluss an eure Ankunft hier oben, zu dritt anstatt zu viert, und es macht mir nichts aus, allein hier zu bleiben und zu lesen und nachzudenken, sie gleichsam in der Stille zu suchen.
Ich denke an die – wie ich sie in den Ferien hier oben gern nannte – Schönheitspausen zurück.
Wenn ich etwa ihr Gesicht betrachtete, während sie auf dem Sofa in der Suite in den Schlaf sank: mein Blick wanderte über ihre Gesichtszüge und zugleich bat ich, sie möge nicht aufwachen, denn auch die Loslösung von ihr war eine notwendige Geografie, und das Eins muss wieder Zwei werden, im Raum, um von Dauer zu sein.
Wenn etwa das helle Morgenlicht – orangerot auf den Vorhängen – früh das Zimmer durchflutete und der Gutenmorgengruß zu zweit ein Geschenk war.
Die Gedanken springen wieder zum Sommer der Ankündigung und zu den Seiten des Tagebuchs, das sich zuunterst in einer ihrer Schubladen fand: „[…] Ich liebe die schutzlose Dunkelheit, die das Refugium in den Bergen mit Sternen umhüllt, mit dir, der du lachst und auch ich lache, und wir sagen uns, dass wir es nicht glauben können, und wir wundern uns noch, von Zeit zu Zeit dieselbe Stimme in demselben Wind zu hören. Weil wir an allen Ecken der Erde eine Stimme suchten, die auch die unsere aufnehmen sollte. Und nun ist das Versprechen dieser Stimme dabei, Fleisch zu werden“.
Ich denke, eines Tages werde ich dieses Tagebuch in eure Hände legen, und es wird ein großes Erbe für euch sein.
Ich denke an mich, an die vielen Menschen, die ich behandelte und heilte, während ich für sie nichts tun konnte, und ich fühle, dass ich nicht weiß, ob ich das jemals völlig akzeptieren werde.
Genauso wenig weiß ich, ob es, abgesehen davon, was ich in diesen Tagen sagen kann und muss, für mich wirklich tröstlich sein wird, an die – so ihre Worte – „tausend Metaphern des Lebens zu denken, deren Verkörperung der Berg ist, mit dem Zu- und Abnehmen der Höhe, das uns von den Tälern unserer Existenz weg- und dann wieder zu ihnen hinführt“.
Ich denke wieder an euch, an den ständigen Wechsel von Sieg und Niederlage in eurem Leben; von guten und bösen Kämpfen. Und ich bitte, diese Wurzeln, ihre Wurzeln, mögen wirklich eine gute Waffe für euch sein.

Es ist spät am Abend, als wir zum Abendessen wieder am Tisch zusammensitzen: ich sehe in eure rosigen und gebräunten Gesichter. Ihr erzählt mir von den nachmittäglichen Spielen und von der Wanderung, die ihr für den nächsten Tag vorhabt: ihr erklärt mir die Route, Höhenunterschied und Dauer und versichert überzeugt, ja doch, genau das brauche es jetzt: - Wir müssen auf einen Gipfel.
Die Gerichte kommen, der Saal erwärmt und belebt sich.
Bis zum Himmel steigt die heitere Menschlichkeit der in Entspannung und Zuneigung gekleideten Gespräche, zwischen dem Duft der Speisen und der Wärme des Holzes, unter dem langsamen Prozedere unmerklicher Saalrituale, die sich von Zeit zu Zeit bemerkbar machen.
Ich kann mir jetzt schwer vorstellen, wie unser Leben im Tal nach der Rückkehr wieder anlaufen wird, wohin es uns treiben wird.
Hier oben, wo der Schlag der Stunden auf den Abhängen stumm ist und die Zeit nicht zu vergehen scheint, ist das ein ferner Gedanke.
Morgen, nach Erreichen des Gipfels, werde ich einen einzigen Gedanken haben: die Stimmen suchen.
Die, welche der Bergwind zu den Gipfeln hochträgt, die der Mensch dem Herrn weiht, mit dem bräunlichen Eisen der Kreuze, das gegen die Bläue des Himmels sticht.
Unter diesen Stimmen wird auch die ihre sein.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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