Be-Amtet

Susan Tumbrel
24.02.2020
 
Be-Amtet
Mit einem erschöpften «Dinnng!» sprang die Anzeige über dem Schalter auf 37. Niemand reagierte.
«Siebenunddreißig!», bellte der Beamte.
Alice blickte schläfrig auf den Fetzen in ihrer Hand, auf den eine 36 gedruckt war. Sie sprang auf und hastete an den Schalter: «Entschuldigung! Sie haben die 36 übersprungen!»
Der Beamte starrte sie mit leerem Blick an.
«Gerade Nummern sind im Dritten», schnarrte der Mann.
«Wie bitte?»
«Gerade. Nummern. Werden. Im. Dritten. Bearbeitet.»
«Im dritten was?!», fragte Alice verständnislos.
«Im dritten Stock natürlich!»
«Was…? Wieso?»
Verwirrt wandte Alice sich ab. Sie holte ihre Handtasche und ihre Jacke, woraufhin sich sofort zwei Wartende auf ihren Stuhl stürzten, dann ging sie mutlos in den dritten Stock.
40 stand auf der leuchtenden Anzeige über dem Schalter.
«Entschuldigung?», versuchte sie den Mitarbeiter auf sich aufmerksam zu machen. «Ich war im falschen Stockwerk, da ich nicht wusste, dass die geraden Zahlen …»
«Neue Nummer!», herrschte der Beamte sie an.
«Aber …»
Doch der Mann blickte sie derart finster an, dass sie aufgab und eine neue Nummer zog. 112.
Alle Stühle waren besetzt. Also liess sich Alice zu Boden gleiten und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Sie war furchtbar hungrig und unfassbar müde.
«Nicht auf dem Boden sitzen!», befahl eine harsche Stimme. Alice erblickte einen mürrischen Sicherheitsmann, stand schwerfällig auf und fragte: «Gibt es woanders noch Sitzgelegenheiten?»
«Nein.»
Die anderen Stehenden blickten entweder mitfühlend oder hämisch zu Alice. Sie seufzte leise, wobei sie fast erwartete, dass gleich ein weiterer Uniformierter auftauchte und bellte: «Nicht seufzen!»
Stunden später sprang die Anzeige endlich auf 112 und Alice trat an den Schalter.
«Guten Abend. Ich habe heute dieses Schreiben …»
«Nummer?»
«Wie bitte?»
«Ich muss den Zettel mit der Nummer sehen. Könnte ja sein, dass hier vorgedrängelt wird!»
Alice blinzelte hektisch. Dann kramte sie die Nummer aus der Hosentasche und schob sie durch den Schlitz in der Glasscheibe. Der Beamte musterte den zerknüllten und von ihren Händen feuchten Papierfetzen missbilligend.
Alice holte Luft, schloss den Mund wieder und wartete verwirrt.
«Also? Es warten noch andere Leute, falls das nichts Wichtiges betrifft …», sagte der Mann, ohne sie anzusehen. Alice fiel auf, dass er sie noch kein einziges Mal persönlich angesprochen hatte.
«Neinnein! Es ist wichtig! Ich habe dieses Schreiben bekommen, in dem steht, dass ich verstorben bin …»
Alice schob den Brief zum Beamten hinüber. Der reagierte nicht auf das unheimliche Dokument.
«Ja, und?»
«Wie Sie einwandfrei erkennen können, bin ich nicht tot», sagte Alice patzig.
«Gibt es dafür Beweise?»
«Beweise?! Ich stehe hier vor Ihnen! Welchen Beweis brauchen Sie denn noch?»
«Können Sie belegen, dass Sie die Person sind, die in diesem Dokument für tot erklärt wird?»
Immerhin sprach er sie nun direkt an, dachte Alice, und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Pass. Der Beamte nahm ihn, blickte Alice prüfend wie ein Hundeshow-Juror an, schloss das Dokument wieder und schob den Pass zurück.
«Der könnte gefälscht sein.»
Alice warf verzweifelt die Hände in die Luft.
«Soll ich vielleicht meine Mutter herholen, damit sie bestätigt, wer ich bin?»
Der Mann zuckte unbeeindruckt die Schultern.
«Das würde nichts bringen. Könnte ja eine Schauspielerin sein, die Sie engagiert haben.»
«Ist das Ihr Ernst?! Wer bin ich denn, wenn nicht die Person in all meinen Ausweisen?»
«Woher soll ich das wissen? Ich sage nur, Sie könnten jemand anderes sein.»
«Das ist doch vollkommen unlogisch! Wer würde sich die Mühe machen, einen solchen Betrug aufzubauen? Und wozu?!»
Alice hatte das Gefühl, in eine Geschichte von Kafka geraten zu sein.
«Es muss doch eine Möglichkeit geben, dieses Missverständnis aufzuklären», versuchte sie es versöhnlich.
«Tja, da kann ich nichts machen», sagte der Mann.
«Wie meinen Sie das?»
«Das müssen Sie mit dem Bürgerbüro klären. Die haben das Schreiben verschickt.»
Alice seufzte tief.
«Aber auf dem Bürgerbüro sagte man mir, sie verschicken das Schreiben nur. Zuständig sei das Meldeamt. Ich müsse das hier klären.»
«Ich wüsste nicht, was ich da tun kann. Für solche Fälle ist das Bürgerbüro zuständig», wiederholte der Mann unbeeindruckt.
«Hören Sie, ich habe mit dem Bürgerbüro telefoniert. Die haben mir versichert, dass das Meldeamt den Totenschein annullieren muss. Ausserdem verstehe ich nicht, wie man einen Totenschein an die angeblich tote Person verschicken kann. Das ergibt doch keinen Sinn!»
Der Mann warf noch einen gelangweilten Blick auf das Dokument und sagte lakonisch:
«Dieses Dokument ist rechtskräftig.»
«Ich weiß selbst, dass dieser Totenschein rechtskräftig ist. Aber ich bin am Leben und möchte, dass er annulliert wird. Wenn ich offiziell verstorben bin, habe ich keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Und was ist, wenn ich eine neue Wohnung suche?», regte sich Alice auf.
Der Mann spitzte nachdenklich die Lippen, doch Alice konnte erkennen, dass ihm ihre Probleme egal waren. Also holte sie ihr Ass aus dem Ärmel.
«Wenn ich – wie Sie sagen – tot bin, dann werde ich auch keine Steuern zahlen …»
«Sie müssen Steuern zahlen!», antwortete der Mann erbost.
«Muss ich nicht! Da steht es: Ich bin tot. Tote zahlen keine Steuern.»
«Dann kommen wir eben persönlich bei Ihnen vorbei!»
«Dann sage ich, ich bin jemand anderes.»
«Dann lassen wir eben Ihre Mutter Ihre Identität bestätigen!», sagte der Beamte mit gerötetem Gesicht.
«Dann behaupte ich, dass die Frau eine Schauspielerin ist, die Sie engagiert haben.»
Der Mann schien nicht zu merken, dass Alice sein eigenes Argument gegen ihn verwendete.
«Dann machen wir eben einen Bluttest, der bestätigen wird, dass Sie ihre Tochter sind!»
«Und das wäre dann der eindeutige Beweis, dass ich die Frau in meinem Pass bin?»
«Ja! Daraus können Sie sich nicht mehr herauswinden!», sagte der Mann triumphierend.
Ein leises Lächeln breitete sich auf Alices Gesicht aus, das den Mann stutzen liess.
«Fein», sagte sie zufrieden und sammelte ihre Unterlagen ein. Sie hatte gar nicht gewusst, dass sie so kaltschnäuzig sein konnte. Diese neue Seite an sich gefiel Alice, und sie fuhr gelassen fort: «Dann sehen wir uns also nächsten Herbst, wenn die Steuern fällig sind. Schönen Tag noch!»
«He! HEEE! Warten Sie! Das können Sie nicht machen! Das ist illegal!!», krähte der Mann ihr hinterher. Doch Alice drehte sich nicht um, während sie flötete: «Tut mir leid, ich kann Sie nicht hören! Muss daran liegen, dass ich tot bin …»
Dann schloss sich die Aufzugtür hinter ihr.
Über dem Schalter sprang die Anzeige mit einem unbeeindruckten «Ding!» auf 113.



 
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