Die Rückkehr

Elena Tognoli
 
Die Rückkehr
18. Mai
Ich werfe alles hin und steige aus. Die Palmen, das Tropenmeer und den brackigen Müll. Das Leben am Äquator ist mir unerträglich, ohne Jahreszeiten und Zeitumstellung, ich erkenne meine verschwitzte Haut nicht wieder, ich betrachte mich im Spiegel und sehe eine Person mit vertrauten Zügen, den raubtierhaften Ausdruck jemandes, der alles zerstören will. Während der Überfahrten im Boot zur Mission starre ich auf die Wellen, sie kräuseln sich zu kleinen Gipfeln, sie erinnern mich an die Berge, da fühle ich mich wohl.
Ich werfe alles hin, heute Abend sage ich es ihm.

17. Juni
Auf den Flughäfen überlässt man sich den Förderbändern, bekundet mit dem Pass seine Identität, sobald man ihn zuklappt, bleibt die Identität dort drinnen, man wird wieder zu Konsumenten von Duty-Free-Artikeln, zu Individuen in Transit, die für ein paar Stunden im Bauch eines Flugzeuges ein gemeinsames Schicksal teilen.
Zwölf Stunden Flug. Früher hätte man für die gleiche Strecke Tage gebraucht, vielleicht war das besser. Vielleicht reichen zwölf Stunden nicht, um vom Äquator auf 1400 Meter Meereshöhe zu gelangen.

7. Juli
Von den Cousins meines Vaters ist nur Maria Dora geblieben. Das kleine Tal, das quer zu den touristischeren und wichtigeren Tälern verläuft, hat sich im Lauf der Jahre entvölkert. Ich bleibe eine Weile hier, bis ich etwas kräftiger bin und denen antworten kann, die sich nach mir erkundigen. Jetzt weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll, ich kann Dinge beschreiben, die ich gemacht habe, eines nach dem anderen wie fleißige Kügelchen an einem Abakus aneinanderreihen, letztlich lügen. Mir scheint, mein Leben der letzten Jahre hat nichts mit mir zu tun, ich habe exotische Arbeitsqualifikationen und -destinationen gesammelt, so wie man Supermarktpunkte sammelt.

18. August
Ich will auf den Herbst warten, um zu sehen, wie die Birken zu Blattgold werden. Als kleines Mädchen schälte ich ihren weißen Stamm, fragte mich, ob sie etwas spürten, ob sie Schmerz empfanden wie ich, wenn ich die Häutchen von meinen Händen entfernte. Maria Dora kommt mich ab und zu besuchen, sie redet nicht viel, ist in Rente und ständig mit dem Haus und dem Wald gleich dahinter beschäftigt, als ob sie dabei wäre, einen Geheimpakt mit den Bäumen auszuhandeln. Wäre ich hier aufgewachsen, hätte vielleicht auch ich diese Sprache sprechen oder sie zumindest verstehen können. Stattdessen spreche ich Sprachen, die hier keiner versteht.

3. September
Die Tage sind kürzer, die Sonne zieht sich hinter den Berg auf der anderen Talseite zurück und sein Schatten packt mich am Nachmittag an den Schultern. Eine Kollegin von mir, die in einer Stadt am Meer aufgewachsen ist, sagte zu mir, die Berge erdrücken sie, weil es keinen offenen Horizont gibt. Für mich war immer das Gegensteil der Fall, ich schlüpfe in das Tal wie in eine Wiege, das Granitmassiv wacht über mich und beschützt mich, es ist ein gutmütiger Riese. Für mich war diese Sehnsucht stets die Grundlage meiner Identität als Ausgewanderte. Ich konnte mich nur definieren, indem ich der staubigen Hitze der Orte, an denen ich arbeitete, die schneeweiße Kälte dieser Gipfel entgegensetzte. Ich erzählte, wie hier alles klar und sauber ist, aus der Ferne sieht man die Dinge eindeutig und schematisch. Allerdings habe ich jetzt, da die wenigen Sommertouristen abgereist sind, den Eindruck, ich sei hier die einzige Fremde.

15. Oktober
Maria Dora kommt fast jeden Nachmittag zum Teetrinken. Sie sieht mich an, als ob sie etwas wüsste, als ob sie mein Schuldgefühl ahnte. Ich habe mich nicht an den Gründungsmythos meiner Familie von Emigranten gehalten, die dem Stamm treu bleiben, ich kann mich hier nicht wieder einwurzeln. Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatten alle das Tal verlassen, waren irgendwie nach Frankreich gelangt, hatten von Le Havre aus per Schiff die Vereinigten Staaten erreicht, zuerst New York und dann Kalifornien. Nach einigen Jahre waren sie alle zurückgekommen, hatten mit dem im Bergbau verdienten Geld ein Hotel gebaut und ein paar andere Betriebe eröffnet. Sie waren nicht mehr weggezogen, zumindest bis zur Migrationswelle nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Die Rückkehr ins Dorf hat mir die knorrigen Wurzeln des Stammbaums ausgerissen, den ich in der Ferne als den meinen angenommen und wie ein Märchen und ein Schicksal erzählt habe. Ich fühle mich nicht mehr als Teil desselben Stammes.

16. November
Es war leicht, eine neue Mission zu finden, sie haben meinen beruflichen Werdegang gleich akzeptiert. Nach der Buchung des Flugtickets zähle ich nun die Tage, verspüre Anflüge von Sehnsucht nach dem, was noch da ist. Ich beginne Sachen in den Koffer zu stopfen, wie um jede Spur meiner Durchreise zu verbergen. Ich glaube, die Spinnen haben gemerkt, dass ich wegziehen werde, ich lasse sie in Ruhe, es ist vielmehr ihr Zuhause als meines. Ich habe Maria Dora zum Abendessen eingeladen, ich sage ihr, dass ich sie bewundere, weil sie geblieben ist, dass ich ihren Lebensstil und ihre ganzen Rituale bewundere. Auch ich möchte Rituale haben, die mit den Jahreszeiten wechseln. „Man organisiert sich“, sagt sie zu mir.

20. Dezember
Es hat noch nicht geschneit, es tut mir leid, dass ich keinen Schnee gesehen habe, auf bestimmten Breitengraden kann man ihn sich schwer vorstellen. Morgen reise ich ab, am Vortag ist es immer so: alles entfernt sich allmählich und wird unwirklich, eigentlich ist man schon weg. Ich fühle mich leichter, ich sage mir, dass ich diesmal vielleicht nicht das Bedürfnis verspüren werde, zurückzukehren, den neuen Kollegen nicht von den Orten erzählen werde, denen ich angehöre, es wäre ein Betrug. Von allem entledigt, werde ich nur ich sein, werde ich mein atopisches Wesen kennenlernen. Maria Dora ist gekommen, um sich von mir zu verabschieden, und hat mir einen Brief in die Hand gedrückt, ich habe ihn noch nicht geöffnet.

21. Dezember
Der Umschlag enthielt zwei Blätter, eines mit einer kurzen Notiz von Maria Dora. „Rollt wie ein Tannenzapfen“, steht da geschrieben. Ich lese sie und lächle, ich bin mir bewusst, dass ich während dieser ganzen Monate, in denen ich mich abgemüht habe, Wurzeln zu schlagen, beobachtet und verstanden wurde. Das andere Blatt ist klein und dünn wie aus Seidenpapier, mit 2. Januar 1888 datiert, die Unterschrift stammt vom Urgroßvater Piero, genannt Peter. „Lieber Vater, liebe Mutter, mit großer Zuneigung denke ich an das Haus. In wenigen Monaten werde ich das Dorf sehen und dann mag kommen, was will. Sollte ich zufällig nicht in Europa bleiben können, werde ich nach Amerika zurückkehren, denn wenn die anderen dort leben, werde auch ich mich anpassen können. Natürlich fehlen mir der Almauftrieb und die Berge von Barbione.“
Im Zug zum Flughafen halte ich den Brief in den Händen und habe den Eindruck, einen wesentlichen und gleichzeitig lächerlichen Augenblick zu erleben. Ich betrachte mich im Zugfenster, ein Zapfen, der von einer Tanne fällt und rollt, so wie viele andere Zapfen vor ihm. Nach den jeweiligen Erfordernissen gelangt er irgendwohin, bemüht sich, ein festes Bild von sich zu definieren, ein umgrenztes Territorium, das anderen Territorien vorangestellt wird, um Eindringlinge abzuhalten. Aber vielleicht, sage ich mir, ist mein Wesen als Tannenzapfen nicht dauerhaft, sondern ein Durchgangsstadium, eben dieses unbestimmte Rollen zwischen Überseedampfern und Flugzeugen, Sich-Kennenlernen durch eine unscharfe Spiegelung im Zugfenster, der Anblick des eigenen Abbildes, dahinter im Gegenlicht die Landschaft, die an den Gleisen vorbeihuscht, und der Himmel und alle Landschaften, die man in sich trägt, die Beobachtung, dass sie eins werden, die Bereitschaft zu akzeptieren, dass man ausgeblendet wird und sich verliert.
 
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