Eine dicke alte Frau

Ryka Foerster
24.02.2020
 
Eine dicke alte Frau
„Eine dicke alte Frau.“
Das ist das erste, was Robert denkt, als er sie sieht. Er denkt nicht „eine dicke alte weiße Frau“, denn ihre Hautfarbe ist kein Merkmal, durch das sie sich von den Menschen in ihrer Umgebung unterscheidet. Und genau genommen denkt er es auch nicht, er nimmt es einfach wahr: Sie ist eine dicke alte Frau.
Am Samstagmorgen sind fast ausschließlich Männer im Baumarkt, daher ist die Tatsache, dass sie eine Frau ist, das erste und auffälligste, was an ihr bemerkenswert ist. Ihren üppigen Körper hat sie in ein T-Shirt und eine eng sitzende Latzhose gezwängt, darüber trägt sie ein kariertes Hemd und an den Füßen Arbeitsschuhe mit Schutzkappe. Nicht gerade die Garderobe, die man bei einer Frau um die sechzig erwarten würde.
„Sie sieht aus wie ein Holzfäller.“ Jetzt ist sie in Roberts Bewusstsein angekommen, und er betrachtet sie genauer. Graue Haare, fast weiß. Lachfalten. Wache Augen. Ein freundliches Gesicht. „Was sie wohl baut?“, fragt er sich. Und da er ein neugieriger Mensch ist und an diesem Samstagvormittag nichts anderes vorhat, als einen Sack mit Blumenerde für seine Balkonpflanzen zu kaufen, folgt er ihr unauffällig bis in die Abteilung mit den Holzzuschnitten.

„Lieber Gott, mach, dass dieser Kelch an mir vorübergeht“, betet Marvin, als die dicke alte Frau auf ihn zukommt. Genau genommen betet er nicht, er ist kein gläubiger Mensch, aber auf diese Kundin hat er definitiv keinen Bock. Wenn sie attraktiv wäre, oder sexy, dann würde er sich vielleicht auch bei ihr ins Zeug legen und ein bisschen mit ihr flirten, er ist ja kein Unmensch – aber eine Omi, die in ihrer Latzhose aussieht wie eine Bockwurst und einen auf Profi macht in ihren Arbeitsschuhen: Nein danke, das muss doch nun wirklich nicht sein.

Robert amüsiert sich. Seit fast zehn Minuten lungert er vor dem Regal mit den Holzimprägnierungen herum, um kein Wort von dem Gespräch zwischen dem Verkäufer und der Frau zu verpassen. Sie will ein Baumhaus bauen, braucht die entsprechend zugesägten Hölzer und die passenden Winkel und sucht den Rat des Verkäufers, weil sie noch unsicher ist, wie sie am besten die Überdachung konstruiert. Der junge Schnösel am Infoschalter hat offensichtlich keine Ahnung, was sie von ihm will: Ihre Fragen scheinen ihm beinahe körperliches Unbehagen zu bereiten. Robert könnte ihr weiterhelfen, er ist Tischler. Aber noch gönnt er sich die Freude, ihre Stimme und ihre geduldige Beharrlichkeit zu genießen. Er selbst hätte den pickeligen Brad-Pitt-Verschnitt schon längst auf den Pott gesetzt. Sie bleibt gelassen und humorvoll. Sie gefällt ihm.

Marvin hat langsam die Schnauze voll. Er ist hier nur zur Aushilfe und hat keinen blassen Schimmer, ob man Dachpappe besser nagelt oder schraubt. Aber das muss er seiner Kundin ja nicht auf die Nase binden. Die Alte lässt sich nicht abwimmeln. Das nervt. Ganz ehrlich: Die Vorstellung, wie sie ihr Fett eine Strickleiter hochhievt, ist doch absolut lächerlich. Was soll das denn für ein Baum sein, der diese dicke Tonne aushält?
„Was wollen Sie eigentlich mit einem Baumhaus?“, platzt es schließlich aus ihm heraus. Ihm ist klar, dass weder die Frage noch der Tonfall in Ordnung sind, aber er ist doch auch nur ein Mensch. Er hofft, dass sie jetzt endlich Ruhe gibt und dass keiner von seinen Kollegen mitbekommt, was hier läuft. Er braucht den Job.

„Touché“, denkt sich Robert, „Volltreffer unterhalb der Gürtellinie.“ Er gesellt sich zu den beiden an den Infoschalter, um Schlimmeres zu verhindern. Marvin grinst ihn an, als habe er gerade einen guten Witz gemacht, für den er jetzt den Beifall seines besten Kumpels erwartet. Die Frau bemüht sich um ein Pokerface. Schwer zu sagen, was sie empfindet: Fassungslosigkeit? Empörung? Scham? Belustigung? Wut? Ohnmacht?
„Lieber Gott, mach, dass sie sich nicht rechtfertigt“, betet Robert. Er betet wirklich. Er hat schon lange keine Frau getroffen, die ihn so neugierig macht wie diese, und er wünscht sich inständig, dass sie sich von dem aufgeblasenen Baumarktfuzzi nicht ins Bockshorn jagen lässt. Er lächelt ihr zu und hofft, dass die Aufmunterung bei ihr ankommt. Sie lächelt zurück.
Dann wendet sie sich wieder dem Verkäufer zu. Wenn man nicht so genau hinsieht könnte man die Anordnung ihrer Gesichtsmuskulatur immer noch für ein Lächeln halten.
„Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“, erklärt sie dem jungen Mann, „das gilt auch für dicke alte Frauen“.

Robert lacht los. „Sie mögen Astrid Lindgren?“, fragt er, als er wieder sprechen kann.
„Unbedingt!“ Die Frau, von der er gleich erfahren wird, dass sie Marion heißt, strahlt ihn an.

Marvin hat es die Sprache verschlagen. Er hat keine Ahnung, was da gerade abgeht.

Aber wen interessiert das schon?
 
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