Eine unerwartete Gemeinsamkeit

Lucy Bauer
 
Eine unerwartete Gemeinsamkeit
Im Schutz der Anonymität fühlte ich mich sicher genug, mein neues Ich zum ersten Mal außerhalb der eigenen vier Wände zu zeigen. Ich gönnte mir eine kurze Winter-Auszeit in einem Spa Hotel und war mir sicher, dass mich hier niemand kannte und so auch niemand einen Vergleich zwischen meinem neuen und meinem alten Ich anstellen würde. Die Menschen, die mir hier begegneten, würden mich so nehmen, wie ich war. Hier konnte ich ausprobieren, wie es war, die neue Anne zu sein, ohne befürchten zu müssen, dass mich so mancher Blick ganz genau mustern würde.
Meine Wahl fiel auf einen Liegestuhl an der Glasfront des Badebereichs, von wo aus ich die hohen Kiefern mit ihren schneebeladenen Ästen im Blick hatte. Leichte Windstöße sorgten dafür, dass es aussah, als ob Schneestaub über die Zweige tänzelte. In der Fensterscheibe konnte ich mein Spiegelbild sehen: Meine Spiegelung hob sich deutlich von den dunklen Bäumen im Hintergrund ab und zeigte ein funkelndes Etwas in cremefarben und weiß, das umher schwebte und glitzerte, als wäre es überdimensionierter Weihnachtsschmuck. Bequem in meine vielen Handtücher gebettet begann ich, mein Abbild genauer zu betrachten. Selbst wenn man einräumte, dass die Verkäuferin wohl ein wenig übertrieben hatte, musste ich ihr grundsätzlich recht geben: Der funkelnde cremefarbene Badeanzug stand mir wirklich gut. Dann würde ich wohl auch in dem anderen, den ich gekauft hatte, gute Figur machen. Ich fühlte mich gleich viel sicherer.
Plötzlich erblickte ich ein mir bekanntes Gesicht. Marie. Obwohl ich sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte, erkannte ich sie sofort, als sie eleganten Schrittes das Schwimmbecken entlang stolzierte und direkt auf mich zuzukommen schien. Auch nach so langer Zeit hatte sie immer noch eine ausgezeichnete Figur und sah in ihrem enganliegenden smaragdgrünen Badeanzug umwerfend aus. Ich konnte es kaum fassen: Was für ein Zufall? Intuitiv schloss ich meine Augen. Ich fühlte mich ein wenig, wie ein kleines Tier, das einem Fressfeind entkommen möchte. Bei Gefahr einfach totstellen! Ich konnte ihre Armreifen klimpern hören, als sie den Liegestuhl neben mir zurechtrückte, ihr Handtuch ausbreitete und ihr Brillenetui aufklappte. Ich stellte mir vor, wie sich dabei ihre perfekt gepflegten Fingernägel bogen. Wie verschwindend klein musste eigentlich die Chance sein, dass ich Marie in einem Luxus-Wellnesshotel im Gebirge treffen würde? Nun gut, die Luxus-Komponente würde die Wahrscheinlichkeit wohl entsprechend erhöhen. Als ich so mit geschlossenen Augen dalag, wurde mir langsam klar, dass ich in der Falle saß – mir erging es nun wie einem Beutetier, dem alle Fluchtwege abgeschnitten waren. Vielleicht sollte ich mich lieber gleich zu erkennen geben und so verhindern, dass eine spätere Entdeckung meine Qualen erst recht verschlimmern würde.
Ich warf einen verstohlenen Blick in Maries Richtung. Wie kam es, dass ihr bloßer Anblick nach mehr als dreißig Jahren in mir immer noch Minderwertigkeitsgefühle und Unbehagen auslösen konnte? Sie saß auf der Kante ihres Liegestuhls und wirkte anmutig, obwohl sie mir den Rücken zuwandte. In mir kamen Erinnerungen an Schulausflüge ins Freibad hoch. Damals als Teenager buhlten wir förmlich alle um Maries Gunst und fürchteten zugleich ihre höhnischen Bemerkungen über Schwimmbekleidung, die nicht ihren Vorstellungen von zeitgemäßer Mode entsprach. Heute, so stellte ich fest, zeigte auch sie nicht viel Haut. „Es mag unterschiedliche Gründe dafür geben, doch früher oder später greift jede Frau zu einem einteiligen Badeanzug“, sinnierte ich. Sogar die bezaubernde Marie.
„Hallo”, sagte ich. Sie drehte sich um und starrte mich an. „Ähm, es tut mir leid. Ich bin nicht sicher, ob …“
Ich gaukelte vor, über dieses unerwartete Wiedersehen begeistert zu sein und nannte Marie meinen Namen. Zu meiner großen Überraschung reagierte sie freundschaftlich-liebenswürdig. Was folgte, war ein Austausch der üblichen Höflichkeiten und Maries Versuche, eine elegante und dennoch bequeme Position auf der Liege zu finden. „Was für eine tolle Überraschung, dich hier zu treffen!“ „Du hast dich ja kein bisschen verändert!“ Letzteres entsprach natürlich nicht der Wahrheit. Wir hatten uns gehörig verändert. Ich war immer ein wenig eifersüchtig auf Maries natürliche Schönheit gewesen. Sie schien es mit links zu schaffen, toll auszusehen und einen gehobenen Lebensstil zu führen. Zu Schulzeiten hatten wir eine lockere Freundschaft gepflegt, mit Studienbeginn, begann sich der Kontakt jedoch zusehends zu verlaufen. Marie schloss sich der Segel-Clique an und ich wurde eine Studentin des Typus „Oje, ich habe eine Arbeit zu verfassen – Mist! – Lass uns zuerst einen trinken gehen!“
Es würde ja ohnehin darauf hinauslaufen, dass wir im Laufe unseres Gesprächs früher oder später bei den alten Zeiten landen würden. „Wer A sagt, muss auch B sagen“, dachte ich mir und fasste mir ein Herz. „Hast du das mit Alan durchgezogen?“ fragte ich keck.
„Alan Carnie?” Ich fragte mich, wie viele Alans es in Maries Leben wohl gegeben hat.
“Leider nein. Mit ihm lief’s wie mit all meinen Partnern”, sagte sie. Ich für meinen Teil hatte niemals eine Beziehung gehabt, deren Dauer es gerechtfertigt hätte, das Wort „Partner“ zu verwenden. „Mutti war nicht mit ihm einverstanden. Du weißt ja, wie Mutti sein konnte.“
Oh ja, das wusste ich. Sie war gertenschlank, stets makellos gekleidet, wortgewandt und selbstbewusst gewesen – sie hatte all jene Eigenschaften besessen, die ich mir bei meiner Mutter gerne gewünscht hätte.
„Einfach nur unausstehlich”, murmelte Marie, schloss ihre Augen und seufzte hörbar. Offenbar hatte es mit dieser Mutti, die ich so bewundert hatte, mehr auf sich gehabt, als für Außenstehende wie mich erkennbar gewesen war. Marie wechselte elegant das Thema. „Was machst du eigentlich so? Hat dir dein Abschluss im Berufsleben etwas gebracht?“
„Ich bin Lehrerin”, erwiderte ich. „Es gibt nicht immer nur angenehme Seiten, aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden. Und was machst du?“
„Ich habe nie fertig studiert. Das schien mir zwecklos damals. Was ich einmal machen würde, stand sowieso immer fest – du weißt, unser Familienbetrieb. Naja, es erschien mir einfach unsinnig, mich im Studium anzustrengen. Später habe ich es dann bereut.“ Marie lag regungslos in ihrem Liegestuhl und hatte die Augen geschlossen.
Ich erinnerte mich an Pralinenschachteln mit feinstem Konfekt, die die glamouröse Mutter zum Semesterende höchstpersönlich an Klassenkameraden und Lehrer verteilt hatte. Diese sollten sich genussvoll die Bäuche vollschlagen, sie hätten es sich redlichst verdient. Die schlanke und unnahbare Marie hatte sich stets sichtlich gelangweilt zurückgezogen, als alle begannen, die Pralinen zu verschlingen.
„Merton’s Quality Chocolates”, sagte Marie, gerade so, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Ist das nicht ein toller Weg, reich zu werden? Du überzeugst Menschen, ihr hart verdientes Geld für etwas auszugeben, das sie dick und krank macht.“ Sie drehte sich zu mir. „Weißt du, Anne, ich habe mir immer gewünscht, ich könnte so sein wie du. So talentiert und unabhängig. Du hast etwas Sinnvolles gemacht im Leben. Ich hoffe, die Kinder, die du unterrichtest, schätzen dich.“
Sie meinte es ernst. Marie Merton, die Perfektion in Person, beneidete mich um etwas. Das war verblüffend. Waren wir, diese Marie und dieses ich, die gleichen Personen wie die Mädchen von damals? Wer waren diese Mädchen? Warum hatten wir uns selbst und einander damals nicht besser gekannt? Und wer waren wir eigentlich jetzt? Es gab da etwas, das Marie verschwieg und ich war neugierig geworden, ob sie damit herausrücken würde. Ich beschloss, sie ein wenig zu testen. „Eigentlich habe ich jetzt ein paar Wochen nicht gearbeitet. Ich hatte ein gesundheitliches Problem, aber jetzt geht es mir wieder gut.“
Habe ich da etwa ein leichtes Stirnrunzeln gesehen? Hat sie nicht eben ganz kurz ihre Zähne zusammengebissen? Marie antwortete unverzüglich, „Ach, du meine Güte! Das Alter verschont doch niemanden, nicht wahr?“ Sie schob ihre modische Lesebrille lächelnd nach oben. „Irgendwann brauchen wir doch alle ein klein wenig Hilfe, denkst du nicht auch?“ Dann rückte sie ihre Brille wieder auf die Nase, lehnte sich nach vorne und griff nach meinem Buch. „Was lesen die Literaturkenner denn eigentlich heutzutage? Kannst du mir etwas empfehlen?“
Als ich am nächsten Nachmittag zum Schwimmen gehen wollte, stand ich vor einem Dilemma. Ich nahm meinen zweiten neuen Badeanzug aus der Tasche und hielt ihn hoch, um ihn genauer anzusehen: Er war smaragdgrün und wie der Zufall es wollte, exakt das gleiche Modell, das Marie getragen hatte. Aber würde mir dieser Badeanzug ebenso gut stehen wie ihr? Und wäre es nicht furchtbar peinlich für Marie, wenn wir die gleiche Badekleidung trugen? Als erwachsene Frauen sollten wir natürlich in der Lage sein, daraus kein Drama zu machen. Aber es ging ja nicht nur um den gleichen Look: Die eigentliche Sache war ja, dass dieser Badeanzug ein kleines Geheimnis hütete.
„Sie schauen im cremefarbenen und im smaragdgrünen einfach umwerfend aus“, hatte mir die Verkäuferin versichert. „Niemand wird je etwas bemerken.“
Noch nie zuvor hatte ich für einen Badeanzug so viel Geld ausgegeben. Aber jetzt war für mich in Sachen Bademode eine neue Zeit angebrochen. Es war Zeit, etwas Außergewöhnliches zu tragen, etwas Exklusiveres, etwas, das nicht jede zweite Frau trug. Es gibt wohl kaum etwas, das die Wahl der Bademode so nachhaltig beeinflusst, wie ein bösartiges Geschwulst, das einen empfindsamen Bereich der weiblichen Anatomie befallen hat. Da eine solche Erkrankung neben den körperlichen Folgen auch das Selbstwertgefühl in Mitleidenschaft zieht, war klar, dass ich von nun an nur noch Einteiler kaufen würde. Natürlich würde es nicht jeder beliebige Badeanzug tun. Nein, nur ausgewählte Modelle sollten an meine Haut und es musste stets gewährleistet sein, dass sie die Narben, die der chirurgische Eingriff hinterlassen hatte, vollständig verdeckten.
Ich hatte mich entschieden: Marie und ich hatten endlich etwas gemeinsam und ich wollte, dass auch sie es wusste. Als ich in meinem grünen Badeanzug den Badebereich betrat, war Marie schon da und trug auch ihren wieder. Sie erblickte mich sogleich, winkte mir zu und deutete auf den Liegestuhl neben ihr. „Den habe ich für dich freigehalten“, sagte sie, lehnte sich zurück und schloss lächelnd ihre Augen. Ihre Gelassenheit erstaunte mich. Es war soweit: Jetzt wusste sie, dass ich ihr Geheimnis kannte und dass ihr Geheimnis auch meines war. Und dennoch blieb sie - typisch Marie eben – völlig entspannt. Ich stellte mein Glas auf das Tischchen zwischen den beiden Liegestühlen und legte mein Buch neben das ihre. Dann breitete ich mein Handtuch auf dem Liegestuhl aus und streckte mich darauf aus.
Minute um Minute verstrich. Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Ein Gefühl, das ich in Maries Gegenwart nur allzu gut kannte. Plötzlich schämte ich mich für mein Verhalten. Warum hatte ich dieses kindische Spielchen aufgezogen? Hätte ich doch einfach wieder meinen cremefarbenen Badeanzug angezogen und Marie ihr kleines Geheimnis gelassen. Was wollte ich damit eigentlich bezwecken? Wollte ich ihr zeigen, dass auch sie nicht perfekt war? Dass sie es im Endeffekt nicht besser hatte als ich? Ohne jedes Vorzeichen öffnete Marie plötzlich ihre Augen und schaute zu mir herüber. Sie lächelte so warm, wie ich sie noch nie zuvor lächeln gesehen hatte.
“Und übrigens, Gratulation zur Wahl deiner Badekleidung, Anne. Ob du’s glaubst oder nicht, ich habe den gleichen Anzug, den du gestern getragen hast, in rot. Es ist nett, ein bisschen Abwechslung zu haben, findest du nicht auch? Und diese Badeanzüge halten, was sie versprechen, nicht wahr? Niemand würde je etwas bemerken.“
Das war also die neue Marie: Sie war überlegter und warmherziger als ich es war. Ich erwiderte ihr Lächeln. Wir würden einander noch früh genug erzählen, was wir durch gemacht hatten. Fürs erste würden wir es aber einfach nur genießen, nebeneinander zu liegen und zu schweigen. In der großen Fensterscheibe vor uns schienen unsere Spiegelbilder vor den großen, sich sanft im Winde neigenden Kiefern zu schweben. Wir waren fast Abbilder von einander: Wir lagen in identen Liegestühlen, auf identen Handtüchern und trugen die gleichen Badeanzüge. Das kleine Tischchen mit unseren Büchern und Gläsern war wie eine perfekte, eigens für uns geschaffene Verbindung zwischen uns beiden.

Übersetzung: Philipp Stummer


 
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