Es waren einmal deren neun

Emanuele Quindici
 
Es waren einmal deren neun
Es ist Karfreitag Mittag und ich befinde mich auf der Piazza in Monte San Salvo im Kampanischen Apennin. Hier hat die Stadtchirurgie die nach dem Erdbeben von 1980 restaurierten Gebäude mit anonymen neuen Gesichtern beglückt, und doch bleibt der Zerfall der immer noch und für immer verlassenen Ruinen sichtbar. Als wir nach Turin gezogen waren, war ich fünf Jahre alt. Eine Zeit lang kehrten wir im Sommer und zu Weihnachten ins Dorf zurück; dann ab und zu einmal, schließlich nie mehr, seit Vater und Mutter gestorben waren. Im Übrigen hatten ich und mein Bruder im Bruch mit unserem Leben vor dem Erdbeben gelebt: Mutter und Vater sagten uns, wir sollten keine Erklärungen über unsere Herkunft geben, nicht den Dialekt verwenden, das Erdbeben nicht erwähnen. Die Trauer über den Verlust, die Scham über die Auswanderung, das war etwas für die Großen. Am Beginn dieser Geschichte steht aber ein Umzug.
Umziehen bedeutet, kleine offene Rechnungen zu begleichen, an die man nicht mehr gedacht hatte, und neue Verpflichtungen einzugehen, die einem erst später bewusst werden. Es gibt Gegenstände, die hinter Möbel gefallen sind, die zu groß sind, um sie zu verstellen, andere, die einfach jenseits des unscharfen Bereichs, der von unseren Erinnerungen erkundet werden kann, verschwunden sind, auf den oberen Regalen der Schränke, in Kartons, deren Inhalt mit der Zeit immer unbestimmbarer wird. Umziehen zwingt einem dieses biografische Inventar auf, ob man will oder nicht, auf dem verwinkelten Weg zwischen der Freude über einige Wiederentdeckungen und dem emotionalen Loslösen von anderen; oder zwischen dem sentimentalen Wert dessen, dem das Etikett antik zuteilgeworden ist, und der Gleichgültigkeit gegenüber dem, was einfach in die Kategorie alt abgerutscht ist.
Und so war denn, als ich mein „Lehrbuch“ für die dritte Grundschulklasse in den Händen hielt, ein Zettel mit meiner Handschrift zum Vorschein gekommen, auf dem ich einen Kinderreim abgeschrieben hatte. Meine Großmutter sprach ihn mir vor, halb in ihrem harten Gebirgsdialekt, halb auf Italienisch, denn wir Kinder sollten mit Italienisch als Muttersprache aufwachsen, nun, da wir umgezogen waren. Der Zettel war zerrissen, sodass der Kinderreim mit der zweiten Strophe begann:

„Es waren einmal deren zwei,
die kamen an einem Stall vorbei.
Da sprang ein wilder Ochs heraus
und beide nahmen schnell Reißaus.“

Der Zettel war aus den Buchseiten hervorgekommen wie ein Geist aus einer jahrhundertelang vergessenen Lampe, und der Kinderreim trat nach und nach aus dem Kapitel meines Gedächtnisses hervor, wo die Geschichte meiner Kindheit aufbewahrt war, und von da, Strophe für Strophe, vervollständigte sich der viele Jahre lang zusammengefaltete und verborgene Kinderreim:

“Es waren einmal deren sechs,
die trafen eine alte Hex.
Die schwang den langen, schwarzen Rock
und fuchtelte mit ihrem Stock.“

Die Strophen tauchten eine nach der anderen aus meiner Erinnerung auf und ich bemerkte, wie sich der Nonsens mit grausameren Bildern abwechselte: die Katze, die die Vier kratzte, die sie am Schwanz zogen, die hässliche Alte, die die Fünf verprügelte, die ihr die Zungen herausstreckten. Und der Hund, der den Keks fraß, um den sich die Acht stritten, war kein süßes Hündchen, es war ein hässlicher schwarzer Hund. Auf die Lausbübereien jener Bengel, die mit jeder Strophe mehr wurden, folgte unerbittlich die Strafe. Die Alte ist hässlich, das Schwarz ruft Angst hervor: denn das Leben besteht nicht nur aus süßen Dingen, und früher verschwieg man diese Wahrheit nicht einmal den Kindern.
Im Verlauf von drei Tagen war es mir gelungen, neun der zehn Strophen zu rekonstruieren. Insbesondere die letzte erfüllte mich mit einer seltsamen Unruhe:
„Es waren einmal deren zehn,
die wollten Bohnen zählen geh‘n.
Als sie bei Hundert angekommen,
da hat der Schlaf sie mitgenommen.“

Ich sah die Szene der zehn Kinder, die vom Schlaf übermannt wurden, vielleicht weil sie müde waren, vielleicht wegen des schlimmen Ausgangs eines Zaubers, und dieses Bild des kollektiven Tiefschlafs am Ende des Kinderreims erweckte in mir das unerbittliche Gefühl der Niederlage und war für mich sogar ein impliziter Verweis darauf, dass jeder sterben muss, wenn seine Tage gezählt sind. Eine absolute Leere erfüllte mich aber, wenn ich versuchte, einen minimalen Anhaltspunkt für die neunte Strophe zu bekommen: „Es waren einmal deren neun …“ – fing ich an –, und von da kam ich nicht weiter.
Ich war bereits in der neuen Wohnung und dachte fast schon nicht mehr daran; trotzdem bewahrte ich den Zettel in der Brieftasche auf und jedes Mal, wenn mir irgendetwas den Kinderreim oder die Zahl Neun in Erinnerung rief, stachelte mich die fehlende Strophe wieder an, wie ein lästiger kleiner Splitter, der seit Tagen im Finger steckt. Ich beschloss, jemand in meinem Heimatdorf zu fragen (mein Bruder hatte nur eine vage Erinnerung an die Großmutter); ich hatte lediglich ein paar Namen. Schließlich hatte meine Cousine Enza geantwortet.
Und nun warte ich in der Bar an der Piazza auf sie. Ich höre die Stimmen des Dorfes wieder und lasse den Klang des Dialekts auf mich wirken. Und ich spüre, dass diese Wörter passen, im Gebäude meines akustischen Gedächtnisses vertraut klingen, weil ich sie jahrelang gehört hatte, zuerst von allen, im Dorf, dann von der Großmutter und von meinen Eltern, dann nur zwischen Mutter und Vater. Schließlich waren nur in meinem Gedächtnis Spuren verblieben, immer spärlichere. Jetzt kann ich die Augen schließen und zuhören, am Tischchen der Bar von Monte San Salvo, während ich auf Enza warte, die aus ihrer Wäscherei kommt, die sie heute mir zu Ehren vorzeitig geschlossen hat.
Während sie mich zu sich nach Hause begleitet, erzählt mir Enza vom Dorf, von den Anfangsschwierigkeiten nach dem Erdbeben, vom langsamen Neubeginn, von dem, was verloren ging: Häuser, Straßen, Menschen, Geschichten. Doch mittlerweile ist das Dorf ein anderes: ich sehe die Straßen und die kleinen Plätze, erkenne einige wieder, vielleicht täusche ich mich, und doch spüre ich, dass in mir irgendetwas von weit her zurückkommt. Enza wohnt etwas außerhalb, in einem Häuschen wie viele andere. Bevor ich aus dem Auto steige, kann ich nicht widerstehen und frage sie unvermittelt, ob auch sie sich an den Kinderreim der Großmutter erinnert. Sie ist verdutzt, natürlich kann sie nicht verstehen, noch nicht. Mit Mühe erinnert sie sich an einige Strophen, ich kenne sie aber inzwischen perfekt, alle außer einer, und helfe ihr. Vielleicht erinnert sie sich an die neunte, von der ich jede Spur verloren habe? Und tatsächlich, sie geht ihr fehlerlos und flüssig von den Lippen, und sie lautet:

“Es waren einmal deren neun
die sagten: Hier soll unser Zuhause sein.
Doch dann begann der Berg zu beben
und warf sie ab und aus dem Leben.“

Aus Enzas Gesicht verschwindet für einen Augenblick das Lächeln. Dann sagt sie zu mir: „Weißt du, dieses Wort macht hier noch Angst …”.
Jetzt verstehe ich endlich. Nachdem sie aus dem Dorf weggezogen war, hatte Großmutter das Beben aus dem Kinderreim gestrichen: Wir Kinder mussten jenen Tag unserer Familiengeschichte, an dem der Berg uns abgeschüttelt und aus dem Leben geworfen hatte, aus dem Gedächtnis streichen, und jener Tag musste aus unserem Dasein verschwinden. Doch ohne jenes Beben wäre von dem, der ich mittlerweile war, recht wenig gewesen.
Ich betrete das Haus, das – im Unterschied zu meinem – hell und aufgeräumt und voller Zierat aller Art ist. Ihren Mann Giovanni habe ich noch nicht kennengelernt, er umarmt mich aber lange; er ist stolz über meine Rückkehr ins Dorf nach vielen Jahren. Auch sie haben vor Kurzem Wohnung gewechselt. Enza lächelt immerzu, während sie sie mir zeigt.
Übersetzung: Werner Menapace
 
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