Fearless Girl

Philippe Patra
24.02.2020
 
Fearless Girl
Robert Harms stand an diesem dunklen Novembermorgen vor der letzten Ampel unweit seines Büroturmes. Er wippte kurz von den Zehenspitzen auf die Hacken, was ihm, da es ihm bewusst wurde, sogleich peinlich war. Es schien ihm wie eine Blöße, die er sich vor den anderen Wartenden neben ihm gegeben hatte – Männer wie er mit blanken Schuhen auf festem Grund, senkrecht im Lot gut sitzender Anzüge und dunkler Mäntel. Bevor er Gefahr lief, ein zweites Mal zu wippen, hob er an zu gehen - und ging nicht.

Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite stand ein kleines Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt. Im Gegensatz zu der uniformen Schar auf seiner Seite stand sie dort alleine. Um diese Zeit ging der Strom der Menschen genau in die andere Richtung, hinein ins Westend. Sie kam für ihn aus einer bemerkenswert falschen Richtung. In ihrem Rücken waren nur Bürogebäude und das Messegelände. Sie trug eine rosa Daunenjacke, die Kapuze mit Fellkragen hochgeschlagen; über der Jacke eine neongelbe Warnweste und auf dem Rücken einen Tornister; die Beine steckten in weißen Leggins und die Füße in hellen Moonboots. Die elterliche Fürsorge hatte sie allzu gut eingepackt. Die Fülle der Kleidungsschichten führte allerdings dazu, dass ihre Arme mehr abstanden denn hingen. Eine Astronautin, die sich zu weit von ihrem Mutterschiff entfernt hatte und nun als kleiner heller Fleck auf sich allein gestellt durchs All trieb; die Augen überflüssigerweise auf ihn gerichtet.
Als er ihren Blick sah, ließ ihn das für einen Moment stutzen. Da waren all seine Routinen und da war er und beides war plötzlich zweierlei. Mit einem Mal war er sich selber auf eine ungewohnte Weise übrig. Ein Lieferwagen schlug Harms mit einem Luftsog den feuchten Morgen ins Gesicht. „Weit draußen“ ging es ihm durch den Kopf. „Du bist weit draußen“. Da stand er in einem Quartier ohne Gesicht, vor ihm rauschten blechbewehrte Karossen, hinter ihm kreischten die metallenen Räder der Tram; der nasse Asphalt und nicht weit unter dem nassen Asphalt die Glasfaserkabel; in den Kabeln ein bunter Strom aus Derivaten, Anleihen, Zertifikaten und Termingeschäften. Da unten lief das große Rad, an dem er gleich mit drehen würde. Just in diesem Augenblick huschten Waren aller Art aus Fernost unter seinen Füßen hindurch; Tokio würde bald schließen. In einer Stunde kam Bewegung in die europäischen Kurse und am Nachmittag stieß New York dazu. Die Ampel sprang auf grün.

Im Nachhinein konnte er nicht mehr wirklich sagen, warum es passierte. Er schob es auf die Rührung, die das Kind in seiner eigenartigen Verlorenheit in ihm ausgelöst hatte. Er hatte unvermittelt das Bedürfnis, sie zu warnen, vor was auch immer. Als sie auf gleicher Höhe waren, die kleine Astronautin und er, hatte er sich aus jenem Reflex heraus, mit dem sich das Große des Kleinen erbarmt, zu dem Mädchen hinuntergebeugt. Noch in der Bewegung dämmerte es ihm, dass er gerade im Begriff war, die schützende Hülle des Üblichen zu verlassen. Doch einmal angefangen, musste die Geste ja nun auch irgendwie zu Ende gebracht werden. „Sieh dich vor“, hörte er sich sagen. Gemeint hatte er eigentlich „pass auf dich auf, es ist dunkel und die Stadt ist kein Spielplatz“. Aus der Fellkapuze blickten ihn zwei Augen argwöhnisch an, dann folgte ein schmerzvoller Tritt der Moonboots gegen sein Schienbein und die Kleine rannte wortlos davon. Er rieb sich das Bein und blickte dem wippenden Tornister entgeistert nach. Das Einhorn auf der Rückseite ihres Ranzens nickte, als geschähe es ihm recht. An der Stelle, wo sie ihn getroffen hatte, zierte jetzt ein großer Fleck seine Hose – matschbraun auf italienischblau. Das Hupen einer Geländelimousine schreckte ihn auf und scheuchte ihn von der Straße. Der Puls ging ihm in einem dumpfen Rauschen durch den Kopf. Immer noch verdutzt flüchtete er sich auf den Platz vor den Messehallen etwas abseits der Straße.
Was wollte er bloß in dieser Stadt, in diesem Turm, ja, in diesem Anzug? Sein Leben war seit Jahren ein einziges Missverständnis. Die Bank, bei der er seit seinem Weggang aus Wilmersheim gearbeitet hatte, war nichts anderes als ein gigantisches Wettbüro, in dem er munter Lose druckte und über die Theke reichte. Er nahm, was er fand, Rohstoffe, Währungen, Erde, Luft und Wasser – klebte ein Etikett darauf und schickte alles auf die Reise. Die Zeit tat ein Übriges. Sein Ertrag waren die verbrieften Hoffnungen auf die Gunst oder auch die Verheerungen des Schicksals.
Ein Teppich, kam es ihm unvermittelt in den Sinn. Es muss an dem Teppich gelegen haben, dass er sich eines Tages als Wertpapierhändler wiederfinden sollte. Die Filiale der Sparkasse war damals das einzige Geschäft in Wilmersheim gewesen, das mit einem schmeichelnden Bodenbelag ausgelegt war. Jedes Mal, wenn er mit seiner Mutter in die Filiale ging, empfand er den kühlen Raum, den gedämpften Tonfall der Gespräche und eben das Schreiten auf dem textilen Flor angenehm beruhigend. Es war, als läge in diesem Flüstern eine Erkenntnis verborgen, welche die Erwachsenen in diskretem Ernst zu würdigen suchten. Hier musste er auf die Idee verfallen sein, es sei erstrebenswert, später mal in einer ebensolchen Umgebung unterzukommen. Das hatte er nun davon. Jetzt arbeitete er in einer kleinen, unzureichend schallgeschützten Parzelle in einem Großraumbüro und ließ sich von einem kunterbunten Einhorn die Zunge rausstrecken.

Harms stand immer noch auf dem Platz. Obwohl er nun schon seit einigen Minuten ohne jede Bewegung dastand, fiel er niemandem auf. Sein regloses Schauen verschmolz mit seinem Hintergrund und lag wie angespültes Strandgut am Ufer eines großen Stroms, als plötzlich erste Schneeflocken fielen. Vereinzelt zunächst, nahm das stumme Fallen rasch an Dichte zu. Schon bald bedeckte ein weißer Flaum den Platz und dämpfte die Geräusche der Stadt. In diesem Moment stieg eine gelinde Zuversicht in ihm auf. Es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen die Summe der Teile in einem plötzlichen Einklang von Innen und Außen aufging. Harms lächelte. Er hatte seinen Teppich wieder. Sein Platz im Büro würde an diesem und allen weiteren Tagen leer bleiben.

Am Nachmittag jenes Tages, hüpfte ein Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Schule durch den unberührten Neuschnee vor den Messenhallen. Sie stempelte in großen Sätzen die weiße, makellose Fläche mit dem Profil ihrer Moonboots, als täte sie die ersten Schritte auf einem fremden Planeten. Für einen kurzen Moment wunderte sie sich über Fußspuren, die dort wie aus dem Nichts zu beginnen schienen, um sich schließlich in Richtung der Ausfallstraße zu verlieren. Doch dann ging es ihr auf. Mary Poppins, dachte das Mädchen, sie musste an ihrem Schirm hinabgesegelt und mitten auf dem Platz gelandet sein.
 
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