Fragen und Antworten

Daniel Klaus
24.02.2020
 
Fragen und Antworten
Diese Geschichte habe ich eigentlich nur zur Hälfte geschrieben. Der Rest stammt von einem zwölfjährigen Jungen, den ich die letzten Wochen mit Fragen gelöchert habe. Und von ihm stammen die Antworten. Ich habe einfach immer nur Fragen gestellt, immer weiter und weiter. Dieser Junge hat mir über einen Monat lang die Welt erklärt.
Du fragst, ich antworte steht auf seiner Seite, und so ähnlich lautet auch die Webadresse. Ich bin beim Surfen durch Zufall darauf gestoßen, so wie man die wirklich wichtigen und spannenden Dinge immer durch Zufall entdeckt. Ein bisschen was erfährt man auf dieser Seite auch über ihn, aber viel ist es nicht: Er nennt sein Alter (12 Jahre), verrät, was sein Lieblingsessen ist (Kartoffelbrei mit einem Schuss Sahne und dazu Hackfleischsoße), schreibt, dass er in einer großen Stadt lebt (aber nicht in welcher) und verkündet abschließend, dass sein Zimmer nicht aufgeräumt ist (als Beweis gibt es ein Photo – und ja: Auf dem Bild sieht es wirklich unordentlich aus). Ein Photo von ihm selbst gibt es nicht, obwohl ich sehr gerne wissen würde, wie er aussieht. Ich glaube, er trägt eine Brille, aber das ist nur eine Vermutung.
Vielleicht ist er gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Vielleicht verbringt er deshalb so viel Zeit am PC und beantwortet meine Fragen so schnell. Vielleicht hat es aber auch andere Gründe. Vielleicht hat er einfach eine Menge Zeit, weil er nie Hausaufgaben macht.
Hier sind ein paar der Fragen, die ich ihm gestellt habe: Was ist schöner – eine Tomate oder eine Rose? Was ist deine Lieblingshimmelsrichtung? Was ist 3x7 und warum ist das Ergebnis meine Lieblingszahl? Meinst du, es gibt Menschen, die Gott siezen, wenn sie zu ihm beten? Sollte man im Sommer barfuß laufen? Kann man mit einem Rasenmäher auch rasen oder nur mähen? Warum fühle ich mich manchmal wie ein Flamingo? Wie schnell schlägt mein Herz und für wen? Warum können Nasen laufen und Füße riechen? Wann ist jetzt und wo beginnt die Zukunft? Wohin kommt man, wenn man nur seinem Gefühl folgt?
Das sind knifflige Fragen, natürlich, vor allem für einen zwölf Jahre alten Jungen, aber er hat mir auf jede Frage eine Antwort gegeben. Aus manchen Fragen haben sich sogar richtige Gespräche entwickelt, die sich dann mit Unterbrechungen über mehrere Tage hinzogen.
Irgendwann habe ich ihm auch Fragen gestellt, die direkt meinen Alltag betrafen. Gleich nach dem Aufstehen setzte ich mich an den PC und gab ein: Soll ich zum Bäcker runter und frische Brötchen holen oder esse ich das drei Tage alte Brot?
Essen Sie Müsli, bekam ich zur Antwort, das ist gesünder.
Ein paar Stunden später fragte ich: Was soll ich zu Mittag essen?
Spinat und Salat, war die Antwort.
Warum?, wollte ich wissen.
Weil es sich reimt.
Also kaufte ich genau diese Dinge im Supermarkt plus eine Flasche Zitronensprudel. Es war eine interessante Erfahrung, eine Mahlzeit zu essen, die sich reimt. Spinat und Salat, Spinat und Salat, ging es mir durch den Kopf, während ich aß. Spinat und Salat, Spinat und Salat, und dazu trank ich zwei große Gläser süßen Zitronensprudel und freute mich.
Ein paar Tage später durfte ich mit den Füßen nicht über durchgezogene Linien treten, was nicht gerade einfach war, da die Bürgersteige in meinem Viertel nicht aus Gehwegplatten bestehen, sondern gepflastert sind. Die meiste Zeit balancierte ich deshalb auf dem Bordstein entlang, und wenn es gar nicht anders ging, trippelte ich ein kleines Stück wie eine Ballerina auf den Zehenspitzen über die Pflastersteine. Am Abend war ich völlig fertig, aber ich war auch hochzufrieden. Ich hatte von ihm wissen wollen, wie es sich anfühlt, zwölf zu sein.

Und nun ist es seit einer Woche still. Ich erhalte keine Antworten mehr, nicht das kleinste Lebenszeichen. Was ist mit ihm? Diese Geschichte kann doch nicht einfach so aufhören, so mittendrin und abrupt. Ob er verreist oder im Urlaub ist? Aber in keinem Bundesland sind Ferien. Oder hat er von seinen Eltern ein Computerverbot bekommen, weil er seit Wochen seine Hausaufgaben nicht gemacht hat?
Ich habe mir jetzt schon ein paar Mal sehr genau das Photo mit seinem Zimmer angeschaut, in der Hoffnung, darauf einen Hinweis zu entdecken. Doch so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann nichts Besonderes darauf sehen. Es scheint einfach ein unaufgeräumtes Zimmer zu sein.
Aber ich will mich nicht damit abfinden. Ich muss professioneller an die Sache herangehen, wie ein Detektiv, denke ich. Ich lade das Bild herunter, öffne es mit Photoshop und nehme es unter die virtuelle Lupe. Ich beginne links oben und arbeite mich in Serpentinen nach unten. Und tatsächlich: Im unteren Teil des Bildes entdecke ich auf dem Fußboden einen weißen Zettel, den ich bisher übersehen hatte. Ich zoome heran. Es steht etwas darauf geschrieben. Ich vergrößere den Ausschnitt solange, bis ich es lesen kann.
Ich lese es einmal, zweimal. Und noch einmal. Damit hätte ich nicht gerechnet.
Auf dem Zettel steht: Sie sollten jetzt besser wieder auf eigenen Beinen stehen.
 
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