Gleichzeit ich

 
 
Gleichzeit ich
Ich schnäuze mich. Es gibt nichts Unangenehmeres als ein Treffen mit einer Person, die man einmal gut kannte, aber lange nicht gesehen hat. Ich stecke das Taschentuch zurück in die Hosentasche. Ein ungutes Gefühl. Schon eine Weile warte ich vor dem Café Frida und erwarte und schaue mich um. Die Stühle auf der Terrasse sind aufgestapelt, die Tische zur Seite gestellt, es regnet kaum mehr. Von den zusammengeklappten Sonnenschirmen tropft es. Der Stoff ist von einem dunklen Rot, ich kann mir vorstellen, dass er heller ist, wenn er trocken ist. Die Komparsen von diesem Mittwoch gehen an mir vorbei, Mütter und Kinderwägen, Omas mit violetten Filzmützen, Menschen mit Hund und Menschen ohne Hund, einige Radfahrer. Ich tappe mit meinen Füßen auf ein nasses Herbstblatt und schiebe es zwischen die Pflastersteine. Noch während ich mich frage, ob ich die Person überhaupt erkennen werde oder sie mich, nehme ich eine bekannte Figur auf der gegenüberliegenden Straßenseite wahr. Wie lange schaut sie schon zu mir? Sie ist noch zu entfernt, um laut zu grüßen, also winke ich und als sie zurückwinkt denke ich, schaut dämlich aus, das Winken.
Wir setzen uns an den Tisch Nummer fünf. Ich bestelle einen Kaffee. Sie nimmt eine heiße Schokolade, einen Apfelkuchen wollen wir uns teilen.
Ich überlege, wie man ein Gespräch anfangen soll, nach fünf Jahren. „Fünf Jahre sind schon eine lange Zeit“, sage ich dann.
Sie schlägt vor, dass wir uns erzählen könnten, was wir gerade so machen.
„Ich habe für die Schule gerade viel zu tun. Aber dieses Wochenende war schön, ich war mit Elisabeth wandern“, sagt sie. Elisabeth? „Sie ist wirklich lustig“, sagt sie. Die Bedienung bringt die Getränke. Ich rühre mit dem Löffel in meinem Kaffee. Sie zerreißt das Papiersäckchen und schüttet den Zucker in ihre Tasse.
„Was ist sonst los?“, frage ich.
„Daheim“, beginnt sie, daheim, denke ich. Wie war das nochmal. Ich schüttle den Kopf.
„Nein?“, fragt sie zögernd.
„Nein“, sage ich, „ich meine, was hast du gesagt?“
„Daheim“, fängt sie wieder an, hält diesmal meinen Blick fest, damit meine Gedanken nicht abschweifen können. Und ich bemühe mich, der Geschichten von einem kaputten Staubsauger und von einer Katzengeburt zu folgen, aber die Dinge verschwimmen. Sie hat Freunde, mit denen ich nicht mehr rede. Sie weiß Dinge, die ich nicht mehr weiß und weiß Dinge nicht, die ich weiß. Sie wohnt an einem Ort, an dem ich lange nicht mehr war. Sie hat andere Gedanken. Ihr schmeckt kein Kaffee. Sie trinkt heiße Schokolade und ihre ganze Realität schmeckt irgendwie anders als meine.
„Und dir“, sagt sie. „Wie geht es dir so?“
Ich erzähle. Vom Ausziehen und Studieren und Leben. Ich erzähle von einem Gemüsestrudel mit süßem Blätterteig, vom Lernen, von sonnigen Nachmittagen im Stadtpark mit Gitarre, und sie hört zu und nickt an den richtigen Stellen, aber ich weiß nicht, wie viel sie von dem, was ich da sage, wirklich greifen kann.
„Du bist groß geworden“, stellt sie fest.
„Und du“, sage ich, „bist jung geblieben.“
Sie lacht, während meine Miene erstarrt. „Das zeichnet ja gerade das jüngere Ich aus.“

Wie ich da sitze, mit diesem karierten Schal um den Hals und diesen hellblauen Pullover. Diesen Schal habe ich nicht mehr, und was ist wohl mit den Ohrringen passiert? Und was ist mit mir passiert? Den Zusammenhang zwischen uns erkenne ich nicht. Er liegt wohl zwischen uns, doch da sehe ich nichts, nur ein glatter Tisch und Apfelkuchenkrümel auf einem leeren Teller. Mit einer Gabel schiebe ich die Krümel hin und her, um zwei etwas entfernte Krümel mit einer Linie zu verbinden. Aber wie geht das? Linien bestehen doch auch nur aus Punkten. Die Gabel rutscht mir aus der Hand. „Ich gehe kurz ins Bad.“
Da steht es vor mir: mein vertrautes Spiegelbild. Ich wasche mir erleichtert die Hände in warmem Wasser und gleichzeitig habe ich Angst. Angst, dass ich zu viel von mir vergessen habe. Dass ich mich vergessen habe. Ich verliere täglich so viele Dinge: Kugelschreiber, Haare, den Faden, die Motivation. Ohrringe. Nicht immer merke ich es gleich, wenn etwas fehlt. Ständig verliere ich Erinnerungen und merke es gar nicht. Und dann so ein Tag wie heute, und ich finde den Zusammenhang nicht. Ich streife mir die Hände an der Jeans trocken und gehe zurück zum Tisch Nummer 5.
„Wie ist die heiße Schokolade?“, frage ich.
„Gut“, sagt sie und schiebt mir die Tasse zu. „Magst du kosten?“
Die heiße Schokolade ist mittlerweile lauwarm, aber das reicht ja. Ich schaue mein jüngeres Ich an, mein fragender Blick wird ein zeitversetzter Spiegel. Etwas ist noch da. Manchmal ist da ein Geruch, ein Geräusch, und ich erinnere mich. Heiße Schokolade und ich bin wieder fünfzehn, sitze hier, wie früher in meiner Schulzeit. Den Zusammenhang zwischen uns müssen wir gar nicht erkennen, den sind wir.
„Diese Elisabeth“, frage ich endlich. „Wer ist das nochmal?“
Sie beginnt zu erzählen, diesmal lachen wir gemeinsam. Und Stück für Stück finde ich Momente wieder, nach denen ich eigentlich nie gesucht habe.

„Wir sollten uns öfter treffen“, sagt sie mir zum Abschied. „Wir könnten auch die anderen einladen.“
Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie wir alle an einem großen Tisch sitzen. Ich 1, Ich 2, Ich 3, Ich 4, 5, 8, 12. Und alle so verschieden und so gleich zeitig. Und dann öffne ich die Augen wieder. Da sitze ich, am Tisch Nummer 5, trinke den letzten Schluck vom Kaffee, dann von der heißen Schokolade, und esse die übrig gebliebenen Krümel mit den Fingern.
Ich zahle an der Theke und gehe nach draußen. Allein in ein Café gehen, das hätte ich mit fünfzehn vermutlich nicht gemacht. Draußen weht ein kühler Wind, bald ist November. Die Komparsen sind immer noch da, vermutlich sind es nicht die gleichen, aber wer kann das schon sagen. Die Radfahrer fahren jetzt mit ihren Lichtern, es blinkt rot, wenn sie an mir vorbeigefahren sind. Ich ziehe den Reißverschluss der Jacke bis ganz nach oben und wünschte, ich hätte einen Schal mitgenommen. Du bist groß geworden, hat sie mir gesagt.
„Nein“, denke ich, „du.“
 
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