Hilde

Camilla Marrese
 
Hilde
Hildes Haus ist ein Haus mit weißen Mauern. Das seitlich einfallende Licht der untergehenden Sonne erzeugt ein leuchtendes orangerotes Rechteck, fast ein Gemälde. Auch Hildes Haare, weißer womöglich als das Haus, leuchten: es ist sechs Uhr abends an einem Tag im Spätwinter und sie ist mit zwei Einkaufstaschen auf dem Weg nach Hause.
Hildes Haus steht auf einem Grundstück kurz hinter dem Dorf, kurz vor den Wäldern. Zehn Minuten zu Fuß zum Lebensmittelladen: ein Spaziergang, der in den letzten Jahren zu einem Ritual geworden ist (sie fragt sich, was eigentlich nicht ebenso geendet hat in ihrem Leben als Siebzigjährige, und vielleicht ist Ritual nur ein anderes Wort für den immer gleichen Alltag?). Hildes Gedanken werden von einem plötzlichen Ruck unterbrochen. Nicht schon wieder, denkt sie. Vier Tage hintereinander begegnet sie nun schon am Beginn der schmalen Allee einer Katze. Die unberechenbaren, ruckartigen Bewegungen versetzen Hilde mit ihrem lang¬samen Schritt in Panik. Wie an den Tagen zuvor bleibt Hilde stehen. Die Katze sieht sie reglos in Katzenstellung an. Starr in die Augen, wie eine Statue. Sie stellt sich auf die Hinterpfoten und beginnt zu miauen. Hilde macht kehrt und nimmt ein etwas längeres und beschwerliche¬res Nebensträßchen, was den Beinen sicher nicht guttut – doch wenigstens lässt sich keine Katze blicken. Zu Hause angekommen, ist es bereits völlig dunkel. Als sie die Taschen auf dem Boden abstellt, um die Tür aufzusperren, spürt Hilde, wie sich hinter ihr das Gras bewegt. Sie dreht ganz leicht den Kopf und geht sofort, so schnell sie kann, ins Haus und schlägt die Tür energisch zu, einen Augenblick bevor das Tier hineinschlüpfen kann. Hilde mustert ihre Hände, sie zittern: unmerklich, aber sie zittern. Sie beginnt die Einkäufe im Kühlschrank zu verstauen.
Später, auf dem Diwan, mit einem Buch auf den Knien und ihrem Tee in der Hand, fragt sich Hilde, ob sie nicht etwa das kleine Tier verletzt haben könnte, als sie die Tür schloss. Sie hatte sie so instinktiv und unkontrolliert zugeschlagen, und außerdem war die Koordination nie ihre Stärke gewesen. Der Zweifel, es eingequetscht oder jedenfalls getroffen zu haben, wächst, vielleicht hat sie es getötet? Gut möglich, dass sie ihm wehgetan hat. An diesem Abend findet sie keinen Schlaf. Sie denkt an die Zärtlichkeit, die ihr fehlt. Arturo war zärtlich, Ihm hätte dieses komische Tier gefallen. Der Gedanke an ihren Mann lässt sie, während sie einzuschlafen versucht, das Kopfkissen etwas fester umklammern als sonst.
Am nächsten Morgen nimmt sie ein schnelles Frühstück zu sich und als sie die Küchentür öff-net, ist alles wie jeden Tag: das klare Licht, etwas Reif auf dem Gras und kein Tatort, weder Blut noch Teile von Tieren. Als Hilde am Abend die Katze wieder antrifft, immer auf dem übli¬chen Weg, fühlt sie sich ein wenig erleichtert: wenn auch unterschwellig, hatte sie der Gedan¬ke nicht losgelassen, dass das Tier auch ohne Blutung immerhin hätte gequetscht worden sein können. Die Szene vom Vortag wiederholt sich: nachdem Hilde der Katze auf dem Weg ausge¬wichen ist, steht sie in der Nähe der Haustür wieder vor ihr, diesmal ein Dutzend Meter weit weg, regungslos. Als sie dann ungefähr zehn Minuten später aus dem Fenster sieht, schläft sie dort in der Kühle des Abends, eingerollt zu einer Kugel. Das Gefühl, irgendwie belauert zu werden, macht einer Art sonderbarem, neuartigem Bedauern Platz, als sie wenig später aber¬mals durch die Vorhänge späht und sie nicht mehr sieht. Das wiederholt sich tagelang in glei¬cher Weise. Die ferne Anwesenheit der Katze bleibt eine Konstante und Hilde, ausgerechnet sie, die niemals ein Tier gefüttert hätte, um es dann nicht mehr loszuwerden, spielt mit dem Gedanken: vielleicht könnte ich ihr etwas vom übrig gebliebenen Thunfisch vom Abendessen geben? Sie ist ja so oder so trotzdem immer da. In einer Plastiktüte trägt sie das Futter gleich vor die Tür. Sie möchte es auf ein Tellerchen legen, doch dann wirft sie es einfach lose auf die Wiese und kehrt so schnell sie kann ins Haus zurück, um im Schutz der Fensterscheibe Aus¬schau zu halten. Reglos schaut die Katze, dann kommt sie langsam und vorsichtig näher. Hilde sieht erfreut eine neue Zartheit in ihren Bewegungen.
Zwei Monate später ist alles unverändert, wie gehabt. Ohne zu wissen, wo sie sich tagsüber aufhält, trifft Hilde die Katze am Abend stets an derselben Stelle. Der erste physische Kontakt hätte nie stattgefunden, wenn Hilde sie nicht eines Nachmittags beim Wäscheaufhängen plötzlich an ihrer Seite erblickt hätte. In Erwartung, sich zu Tode zu erschrecken, entdeckt Hil¬de in Wirklichkeit, dass es gar nicht so schlimm ist, nur das übliche leichte Zittern der Hände. Die Katze sieht sie in Katzenkugelstellung an. Offensichtlich hatte das Tier mit der Anwesen¬heit Hildes keine Probleme, im Gegensatz zu ihr, und der Gedanke an diese Unterlegenheit stört sie. Hilde bückt sich. Angst vor Katzen hatte sie, seit sie sich erinnern kann, tief verwurzelt wie ihre Liebe zu Büchern und zur Kunst, ihr Desinteresse für Politik, ihre Abneigung gegen gewürz¬te Speisen und Sport. Hildes Mutter hatte Angst vor Katzen und genauso war es für sie: eine Furcht, der sie sich instinktiv und tierhaft anvertraut hatte. Sie bremst den atavistischen Fluchttrieb. Die Katze wendet ihr die Seite zu und zum ersten Mal in ihrem Leben kann Hilde das Schnurren hören. Als es ihr nach mehreren Annäherungsversuchen gelingt, sie zu strei¬cheln, spürt sie das weiche Fell zwischen den Fingern, die Knochen gleich darunter, das Vibrie¬ren. Sie erhebt sich und geht, ohne sich umzudrehen, zum Haus zurück.
Bis sie die Katze ins Haus lässt, muss noch einige Zeit vergehen, und dann noch einige, bis sie auf den Sessel und schließlich in den Arm darf (und nicht ohne dass Hilde deshalb im Schreck mindestens ein paar Teetassen zerbricht). Mit der Katze, die ihr den Rücken zuwendet, auf den Knien, schätzt sich Hilde glücklich, dass sie nicht die letzte Lebende ist, die die Bilder des Hau¬ses im Blick hat, die die Weichheit des Teppichs, die Kälte des Marmors unter den Füßen spü¬ren kann.
Jetzt wartet Hilde täglich auf die Katze, wenn sie vom Spaziergang zurückkommt, beim Kochen überlegt sie, ob ihr die allfälligen Überreste schmecken könnten oder nicht, sie ruft sie zu sich auf den Schoß, wenn sie sich zum Lesen hinsetzt: eine Hand am Buch und mit der anderen streicht sie flüchtig und etwas ungelenk über das Fell. In siebzig Jahren hatte Hilde nie eine Beziehung erlebt, die so wie diese dank der gegenseitigen Unabhängigkeit funktioniert, ein¬fach aufgrund spontaner Vernetzungen. Wer weiß, fragt sie sich eines Nachts vor dem Ein¬schlafen, was alles von mir ich nicht weiß, was alles sonst ich versäume. Auf einmal sieht sie sich als Klavierspielerin, als Grundschullehrerin oder als Erforscherin ferner Länder, und um¬klammert dabei etwas stärker das Kopfkissen. Den Freundinnen, die sie manchmal am Abend anrufen, erzählt sie oft: „Wenn man mir das auch nur vor einem Jahr gesagt hätte, ja wirklich, ich hätte es nicht geglaubt“.
 
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