Klirren

Autorin: Yvonne Hergane / Fotograf: Privat 
24.02.2020
 
Klirren
Nicht immer biegen sich Lebenslinien, auf dass sich Kreise schließen. Nicht immer kommen Dinge, ob gut oder schlecht, im Dreierpack daher. Manchmal sind es Paare, miteinander geborene, miteinander verwobene, miteinander verstorbene Zweiergespanne, Zwillinge, durch die Zeit verworfen, aber doch untrennbar zusammengehörig.

Hanne ist dreizehn, die Mutter nicht da. Hanne hat ihren Schlüssel vergessen, nicht aber, dass Mama eigentlich da sein sollte. Sie ist sonst immer da um diese Zeit. Was ist ihr zugestoßen?
Hanne klingelt, klopft, hämmert, rennt in den nassgrünen Garten, stellt sich vor das Fenster im Erdgeschoss, ruft durch die Scheibe, erst leise wegen der Nachbarn, dann laut wegen der Mutter.
Liegt da nicht im dunklen Zimmer eine Gestalt am Boden? Schwarzer Schatten, unbewegt. Mama! Mama! Geht’s dir gut?
Sie muss da rein. Ein Hammer, nein, ein Schuh, nein, ein Stein. Ein Stein. Als Hanne vor Monaten in der Schule ein Fenster zerbrach, hat Mama nicht über den Bruch geschimpft, nur darüber, dass sie die neue Scheibe selbst besorgen musste und der Glaser so furchtbar schwer aufzutreiben war im mangelwirtschaftigen Land.
Und jetzt? Jetzt ist das egal, entscheidet Hanne, Scheibe und Glaser und Mangelwirtschaft hin oder her, sie muss Mama retten.
Ein Wurf, seitlich, die steinfreie Hand schützend vors Gesicht gehoben. Die Scheibe widersteht. Noch mal, fester.
Das Fenster erbebt und zersplittert, der Himmel regnet Scherben. Hanne wickelt sich den Pullover um die Unterarme, zupft die untersten Glasstalagmiten aus dem Rahmen und klettert in die Wohnung. Mama! Mama!
Sie ist nicht da. Nicht. Da.
Hanne sinkt zu Boden, in ihrem Kopf klirrt alles kalt durcheinander, die wirbelnden Gedanken jagen die Zeit unvermessen davon.
Sie hört die Mutter nicht hereinkommen, sie hört nur deren Schrei. Hanne! Hanne! Geht’s dir gut?
Gestammelte Satzfetzen auf beiden Seiten. Ich dachte, du bist … Ich war doch nur … Beim Gemüsehändler waren Tomaten reingekommen, da musste ich schnell … Und beim Bäcker …
Ellie zupft Hanne zwei winzige Splitter aus dem Handballen, fegt die Scherben unter dem Fenster zusammen, sucht seufzend den Zettel mit dem Namen des Glasers heraus, wenigstens den kennt sie schon vom letzten Mal.
Sie atmen das Adrenalin beiseite, sie essen Tomatensalat mit Käse und frischem Brot, Ellie streicht Hanne übers Haar. Aus dem Garten weht warmes Erdenschwarz herein. Hanne schläft ein, wie immer mit Mamas Daumen in der Faust. Ellie tut kein Auge zu, sondern starrt die ganze Nacht auf das Schattentheater hinter der Decke, die sie vors klaffende Glasloch gespannt hat.

Hanne ist zweiundvierzig, die Mutter nicht da. Hanne hat ihren Schlüssel nicht vergessen, aber ihr Handy, und Ellies Schlüssel steckt von innen. Mama kann nicht weg sein, sie schafft es doch mit Mühe höchstens noch ins Bad.
Hanne klingelt, klopft, hämmert, ruft, erst leise wegen der Nachbarn, dann laut wegen Mama. Mama! Geht’s dir gut?
War da nicht ein Wimmern? Der Schatten einer Stimme.
Es ist spät, die Nachbarn haben kleine Kinder, aber es geht nicht anders. Hanne klingelt nebenan, erklärt der schlafzerzausten Nachbarin ihre Sorge. Meine Mutter geht seit Stunden nicht ans Telefon, und da wollte ich …
Die Nachbarin führt sie auf den herbstdunkel duftenden Balkon, die an den der Mutter grenzt, Sollen wir die Rettung rufen? Nein, nein, das regle ich allein, sagt Hanne.
Sie klettert von einem Balkon auf den anderen, plättet sich die Nase am Fenster der Mutter. Die liegt auf dem Bett, bewegt fast unmerklich die Lippen, eine Hand. Hanne hämmert an die Scheibe, die Mutter hievt sich in Zeitlupe auf einen Ellbogen, fällt wieder aufs Kissen zurück.
Hanne kennt keinen Glaser, und wird es nicht zu kalt, wenn die Mutter über Nacht mit kaputtem Küchenfenster ausharren muss? Egal jetzt, sie muss Mama retten.
Ein Stein? Nein. Der Nachbar reicht ihr einen Hammer über die Brüstung.
Ein Schlag, seitlich, die freie Hand vors Gesicht gehoben. Hanne ist in der Angst wieder dreizehn. Die Scheibe widersteht. Der zweite Schlag schießt das Echo des zersplitternden Glases durch den Innenhof der Wohnanlage. Gegenüber reißt einer das Fenster auf und den Mund zur Androhung von Polizei! Alles gut, es ist die Tochter, die ihre Mutter retten muss, ruft der Nachbar zurück.
Hanne wickelt sich ihren Pullover um die Unterarme, merkt beim Reinklettern am knöchernen Ächzen, dass sie nicht mehr dreizehn ist, stürzt ans Bett der Mutter.
Die röchelt Zucker! Kein Arzt! Vor dem hat sie mehr Angst als vor dem Sterben. Hanne knirscht sich in der Küche über den Scherbenteppichboden zu den Apfelsafttüten hin, sticht einen Strohhalm hinein, Trink, Mama, trink.
Der Nachbar klopft an die Tür, muss beruhigt werden, sie war nur unterzuckert, das wird wieder, danke.
Hanne! Geht’s dir gut? Im Nachttisch liegt die Nummer vom Glaser. Hanne schaut in die Schublade, es ist der Zettel mit dem Glaser von damals, zweitausend Kilometer und drei Jahrzehnte entfernt.
Hanne atmet das Adrenalin beiseite, streicht Ellie lächelnd übers Haar. Dann fegt sie die Scherben zusammen, schneidet frisches Brot und Käse und Tomaten auf, bevor sie die Küchentür gegen die Oktoberkälte schließt, doch Ellie will bloß Krümel und Hannes Hand halten, nur ein paar Augenblicke.
Hanne würde gern über Nacht bleiben, aber Ellie lässt sie nicht, geh heim, du hast ein Kind zu versorgen, ich komm schon zurecht.
Zu Hause tut Hanne die ganze Nacht kein Auge zu, starrt auf das Schattentheater hinter dem klirrkalten Fenster und streicht Luis, der ihren Daumen mit der Faust umklammert hält, übers Haar.

Manchmal kommen die Dinge im Leben wie Zwillinge daher, bei der Geburt getrennt, der eine beschleunigt ins Weltall geschossen und jung zurückgekehrt zu seinem viel schneller gealterten Zwilling. Stumm stehen sie einander gegenüber, was gäbe es schon zu sagen.
Oder wie ein Kind, das in den Spiegel schaut und sich erschrickt vor dem faltigen, grauhaarigen Ahn, der ihm daraus entgegenblickt.
Jahre später, Ellie ist lange tot, schaut Hanne in den Spiegel und sieht ihre Mutter, erschrickt zuerst, geht dann näher, dreht sich hin und her, um in sich selbst möglichst viel von Ellie zu finden. Sie streicht ihr übers kalte Glasgesicht, wein nicht, Mama, ich komm schon zurecht.
 
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