Neblige Aussicht

Autorin: Sabine Brandl / Fotograf: Markus Zechmann 
24.02.2020
 
Neblige Aussicht
»Da fehlen 30 Cent.«
»Wie bitte?«
Ein leises Seufzen, ein kurzes Augenrollen. »Es fehlen 30 Cent. Der Cappuccino kostet 3 Euro, Sie haben mir nur 2 Euro 70 gegeben.«
»Mist. Ich dachte, ich hätte es passend. Da habe ich wohl eine Münze verwechselt.« Nervös stöbere ich in meinem Geldbeutel, aber da ist nichts mehr zu holen. Sofort falle ich in mein altes unterwürfiges Entschuldigungsmuster. »Tut mir leid, wirklich …« Doch schon ärgere ich mich über mein Gestammel und knurre: »Dann halt nicht.«
Als ich mich umdrehe, höre ich eine Frauenstimme hinter mir. »Moment! Ich kann aushelfen.«
Ich blicke auf eine große schlanke Dame in einem hellgrauen Kostüm, dezent geschminkt, mit vollen braunen Locken. Hübsch ist sie – tolle Aufmachung – tolle Aura, ihre Kleidung und ihr Make-up zeigen, dass sie bestimmt nicht jede Münze einzeln umdrehen muss. Die elegante Unbekannte reicht der Verkäuferin einen Euro. »Der Rest ist für Sie«, dann wendet sie sich an mich. »Es ist Ihnen doch recht?«
Ich bin so verdattert, dass ich nur nicken kann. Die Verkäuferin bedankt sich und reicht mir die Tasse. Ich sage ebenfalls »Danke«, allerdings nur in Richtung Spenderin. Diese lächelt reizend. »Gerne.«
Mit dem Cappuccino gehe ich nach draußen und sehe mich nach einem freien Tisch um. Es ist Freitagnachmittag, sonniges Maiwetter, kein Wunder, dass alle Plätze besetzt sind. Moment – da hinten steht gerade ein älteres Paar auf … Ich bewege mich zum anvisierten Tisch, warte, bis die beiden gegangen sind und setzte mich. Dann atme ich tief durch und versuche mich zu entspannen (meine Hände zittern, das abwertende Verhalten der Verkäuferin hat mich doch ziemlich aufgeregt). Da sehe ich meine Spenderin aus der Tür treten – mit einem Tablett in den Händen, auf dem eine Tasse und ein Wasserglas stehen. Sie sieht sich suchend um – und muss natürlich erkennen, dass alle Tische belegt sind.
Ohne nachzudenken hebe ich die Hand. Da lächelt sie und kommt auf mich zu. Ich betrachte sie fasziniert, während ich mich enorm über mich selbst wundere. Noch nie habe ich einer fremden Person einen Platz an meinem Tisch angeboten. Manchmal werde ich danach gefragt, na gut, da kann man nicht so aus, aber freiwillig die Hand heben?
»Vielen Dank«, sagt sie, stellt ihr Tablett ab und setzt sich. Ein Hauch ihres feinen Parfums weht mir entgegen. Nun sitzt sie direkt vor mir, nur einen halben Meter entfernt, und ihre hellblauen Augen sehen mich offen an.
»Kein Problem. Sie sind Besucherin, nicht?« Ich bin kein Meister des Smalltalks. Ich konversiere lieber schnörkellos.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein. Ich hatte heute einen Gesprächstermin. Und Sie?«
Einen Gesprächstermin. Aha. Vermutlich war es ein Vorstellungsgespräch als Ärztin. Oder sie war wegen einem ärztlichen Konsil hier – oder irgendeinem anderen Weißkittel-Kram. Für eine Krankenschwester sieht sie jedenfalls zu nobel aus. Gut. Dann soll diese Ärztin gleich mal einen authentischen Einblick bekommen …
»Ich bin einer von den Gestörten. Wenn man bei mir eine Störung diagnostiziert hat, gelte ich doch als gestört, nicht?«
Mein Gegenüber sieht mich ernst an. »Mir gefällt dieser Ausdruck nicht. Maschinen können eine Störung haben, aber doch keine Menschen.«
»Ja aber, wie soll man das sonst nennen, wenn eine Person nicht normal funktioniert? Sehen Sie, ich zum Beispiel bin bei der Beerdigung meines Stiefvaters ausgerastet. Alle haben getrauert – so wie es sich gehört – nur ich habe laut geschrien und gelacht.«
»Dafür wird es doch einen Grund gegeben haben. Für Ihr Ausrasten, meine ich.«
Ich zucke mit den Schultern, denke kurz an die Trauerfeier, verdränge die schmerzhaften Bilder schnell. »Klar. Tausend Gründe. Mein Verhalten war dennoch nicht normal.«
»Ich glaube eher, dass ihr Verhalten eine normale Reaktion auf eine abnorme Situation war.«
Okay, sie ist definitiv Ärztin. Solche Sprüche kenne ich.
»Wie auch immer. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Und wenn Ihnen das nicht reicht – depressiv bin ich auch. Schon lange.«
Sie schmunzelt sanft. »Wissen Sie, was Freud gesagt hat? Bevor du dir selbst Depression oder einen Minderwertigkeitskomplex diagnostizierst, stelle sicher, dass du nicht einfach nur von Arschlöchern umgeben bist.«
Da muss ich gleich wieder an meine Familie denken. »Das hieße ja … oh, der Gedanke ist echt frech.«
»Nein, er ist legitim. Wissen Sie … ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten … aber vielleicht sollten Sie mal Ihr Selbstbild überprüfen?«
Ich blinzele verdutzt. »Mein Selbstbild? Wieso? Also ich hab wirklich viel über mich nachgedacht. Ich denke, das Bild, das ich von mir habe, ist recht scharf und realistisch.«
Ihre Augen blicken warm und freundlich. »Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Mein Bruder und ich waren als Kinder oft im Keller, wir hatten da eine Art Freizeitraum. Da hing eine große Fotografie an der Wand. Von einer Herberge auf dem Berg, mit Aussicht auf die Wälder. Überall war Nebel, es dämmerte schon, die Konturen verschwammen. Vor kurzem habe ich mich mit meinem Bruder über das Bild unterhalten. Ich fand diesen dunklen Pfad darauf scheußlich. Total deprimierend wirkte der auf mich, wie er einsam ins Nirgendwo führte. Mein Bruder konnte sich an keinen Pfad erinnern. Er hat den Pfad immer für einen Bach gehalten. Und dieser Bach war für ihn ein schönes Element, er mochte ihn. Was ich damit sagen will: Selbst wenn man das gleiche betrachtet, das Ergebnis kann ein anderes sein. Es kommt auf die Perspektive an. Und manchmal, da verdeckt einem der Nebel die Sicht.«
Ich denke still über ihre Geschichte nach.
»Also ich finde es stark von Ihnen, dass Sie sich ihren Problemen stellen. Aber ich glaube nicht, dass Sie selbst das Problem sind.«
Ihre Worte, so irritierend und direkt sie sind, gefallen mir. Recht unkonventionell ist diese Ärztin … ob sie hier eingestellt wird?
»Sie hatten heute ein Vorstellungsgespräch, sagten Sie? Auf welcher Station werden Sie arbeiten?«
Sie lacht. Es ist ein leises, süßes Lachen, mehr ein Kichern. »Was? Ich? Hier arbeiten? Nein!«
»Ja aber … Sie sagten doch ...«
Da wird ihr blasses Gesicht wieder ernster. Schade.
»Ja, ich hatte heute einen Termin. Aber nicht wegen einer Bewerbung oder so ... Es war das Vorgespräch für meine Therapie.«
»Aber so wie Sie reden …«
»Ich lese gerne.«
Sie schiebt ihren Ärmel nach oben. Zwei nicht ganz verheilte Narben ziehen sich über ihr Handgelenk. »In einer Woche geht es los. Vielleicht werden wir uns hier wiedersehen? Ich heiße übrigens Nele.«
Ich reiche Nele die Hand. »Michael«, erwidere ich. Mein Puls wird schneller, als sich unsere Handflächen berühren.
Das ist also Nele. Ich wundere mich über die Wärme in meiner Brust, über die positive, prickelnde Energie. Ein Gedanke, den ich bei einer neuen Bekanntschaft schon ewig nicht mehr hatte, schießt mir durch den Kopf: Ein Wiedersehen wäre tatsächlich ziemlich schön.

 
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