Seitenwechsel

Jochen Mariss
24.02.2020
 
Seitenwechsel
Jablonsky sieht ihm in die Augen. Sie sind beinahe schwarz und schauen ihn eindringlich an. Oder mustern sie Frau Blum, die neben ihm steht? Es ist der Blick eines alten Mannes. Wissend und klug. Ein bisschen traurig vielleicht. Die ledrigen, schwarzen Hände umfassen die Eisenstäbe. Eine Art Lächeln huscht durch sein Gesicht, er bleckt die gelben Zähne, kratzt sich am Nacken. Nun fängt er an, sein Fell zu untersuchen. Er pult mit seinen langen Fingern in seinem Bauchfell, steckt sich etwas in den Mund und kaut darauf herum. Dann sieht er wieder Jablonsky an. Oder Frau Blum. Das ist schwer zu sagen.
„Er wirkt so … menschlich“, sagt Jablonsky. „Was wohl in ihm vorgeht?“
Juliana Blum wirft einen prüfenden Blick durch die Gitterstäbe, dann sagt sie: „Er stellt sich genau die gleiche Frage. Er fragt sich, was wohl in uns beiden vorgeht.“
„Schon möglich.“ Jablonsky verspürt den Wunsch, Frau Blums Hand zu nehmen.
Frau Blum kneift ihre Augen zusammen. „Ich schätze, er denkt, dass der Mensch ziemlich affig ist. Er findet es albern, wie wir dastehen und ihn begaffen.“
„Menschenaffe“, sagt Jablonsky. „Affenmensch. Er sieht aus, als ob er uns bedauert. Als ob ihm die Menschen leidtun.“ Jablonsky fragt sich, was er an den Menschen bedauernswert finden könnte. Dann sagt er: „Vielleicht, weil wir nackt zur Welt kommen und unsere Körper mit künstlichen Fellen bedecken müssen.“
„Oder wegen der kümmerlichen Hände.“ Frau Blum betrachtet ihre Hände, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. „Diese Arme, mit denen man nicht klettern kann. Der Mensch ist dazu verdammt, sich zeitlebens auf dem Boden fortzubewegen.“
„Immerhin beherrscht der Mensch den aufrechten Gang“, sagt Jablonsky.
„Der aufrechte Gang wird von den meisten Menschen überbewertet“, hält Frau Blum dagegen. „Er ist Kraft raubend, instabil und macht uns schutzlos. Ein kleines Stolpern, eine kräftige Böe, ein Faustschlag, und schon fällt der Mensch um.“ Frau Blum schüttelt den Kopf. „Und dann diese empfindlichen Füße.“ Sie schaut auf ihre Schuhe. „Um halbwegs damit laufen zu können, müssen die Menschen sie in lederne Fußschoner einzwängen.“
Eine junge Frau mit einem Mädchen an der Hand bleibt neben Juliana Blum und Jablonsky vor dem Käfig stehen. Die beiden sehen sich die Affen an.
„Mama, ich finde es nicht gut, dass die Affen eingesperrt sind“, sagt das Mädchen.
„Na ja, immerhin haben sie ein schönes großes Gehege“, erwidert die Frau. Sie liest die Hinweistafel am Gitter. „Lebensraum Sumatra“, sagt sie. „Vom Aussterben bedroht.“
Das Mädchen fragt: „Mama, was ist Aussterben?“
Die Mutter geht nicht darauf ein. Sie sagt: „Komm, wir sehen uns die Wölfe an.“
Ein Affenjunges nähert sich. Es nimmt die Hand des großen Affen und lugt neugierig durch die Gitterstäbe zu Jablonsky und Frau Blum herüber. Jetzt beugt sich der große Affe ein wenig vor und betrachtet die Rückseite der Hinweistafel, die am Gitter angebracht ist.
„Was macht er denn da?“, sagt Jablonsky. „Warum starrt er auf das Schild?“
„Es sieht aus, als ob er liest.“ Juliana nickt, als wollte sie ihre eigenen Worte bestätigen. „Vielleicht steht da etwas auf der Rückseite der Hinweistafel. Und der Affe liest es sich durch.“
„Haben Sie das gehört?“ Jablonsky wirft Frau Blum einen kurzen Seitenblick zu. „Er hat sich geräuspert. So als ob er etwas sagen wollte.“
„Sehen Sie doch, er bewegt die Lippen.“ Frau Blum nimmt Jablonskys Hand.
„Was sagt er denn?“ Jablonsky wundert sich, wie kräftig ihre Hand ist.
„Pst!“, macht sie und lauscht. „Ich fasse es nicht, er liest den Text der Hinweistafel vor. Hören Sie das? Lebensraum: Europa und Nordamerika. Vom Aussterben bedroht.“
„Wie er uns ansieht“, sagt Jablonsky. „Hat er gerade ‚kein Wunder‘ gesagt?“
Der Affe kratzt sich an der Brust. Das Affenjunge schaut zu ihm auf.
„Hören Sie das?“ Frau Blum schüttelt ungläubig den Kopf. „Der kleine Affe spricht auch. ‚Papa, was heißt Aussterben?‘, hat er gerade gesagt:“
„Ja, ich habe es gehört.“ Jablonsky kratzt sich übertrieben am Kopf. Der kleine Affe zieht an der Hand des großen, als wollte er ihn zum Weitergehen bewegen. „Hören Sie wie der Kleine quengelt? Er hat gesagt: ‚Komm jetzt, Papa, wir sehen uns die Chinesen an.‘“
Die Affen verschwinden durch eine Klapptür. Frau Blum beugt sich zu Jablonsky herüber, ganz nah, Ihr Duft steigt ihm in die Nase. Dann flüstert sie: „Im Weggehen hat der Alte gemurmelt: ‚Na, wenigstens haben sie ein Gehege mit viel Auslauf.‘“
 
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