Selfie

Mila Mutzbach
24.02.2020
 
Selfie
Erinnern Sie sich an die Thaler? Die Ärztin? Fast jeder am Vigiljoch kennt sie. Weil: So gesund die Luft hier oben ist - irgendwann muss man mal runter zum Arzt. Sie lebt jetzt schon länger in Meran, seit der Sache mit ihrem Mann. Nora, die Tochter, ist Grufti. Immer schwarz gekleidet, immer mit Grusel-Plingpling. Knochenlutscher nennt man solche Gestalten. Aber lieb ist sie. Trotz Totenkopf-Gebaumel.
Neulich an der Seilbahn habe ich den Jüngsten vom Ederhof getroffen, den Luca. Wie es der Nora in Meran ergangen ist, hab ich ihn gefragt. Luca sagt, in der neuen Schule fanden sie alle strange. Aber zur Party der Klassenzicke wurde sie trotzdem eingeladen. Sie wollte absagen, hatte kein gutes Gefühl dabei. Aber die Mutter hat gesagt: Am Ende ist es oft da am lustigsten, wo man am Anfang nicht hinwill.
Als Partyspiel gab es Flaschendrehen, mit Wahrheit oder Pflicht. Nora bekam diese Aufgabe:
Auf dem Waldfriedhof, vor dem immer die „Schwarze Witwe“ sitzt, sollte sie bei Vollmond knochenlutschen. Mit Selfie. Wenn nicht: dann Ärger.
Nora hat die Geschichte dem Luca erzählt und der Luca hat sie mir erzählt und ich habe sie für Sie aufgeschrieben. Bitteschön:
Knochenlutscher
Am Montag nach der Party radelte Nora in aller Frühe zur Schule. Die Wiesen dösten unter ihrer Frühnebeldecke, einige Raben picknickten auf dem Acker. Nora nahm den Weg durch den Wald. Sie hatte einen Plan:
Den Waldfriedhof auskundschaften.
Probefotos machen.
Weiterfahren zu Schule.
Bei Vollmond zum Kochenlutschen und Knipsen kommen.
Auf der Bank vor dem Friedhof saß eine schwarz gekleideten Alte, die einen Raben fütterte.
„Willst mehr?“, fragte sie.
„Mehr“, krächzte der Rabe.
Nora stellte ihr Rad ab und schlich auf den Friedhof. Grobe Steinkreuze. Düstere Engelsstatuen. Moos, Farn, Efeu. Eine totenkopfverzierte Gruft. Ob das Friedhofstor nachts verschlossen sein würde?
Ganz in Gedanken verließ sie den Friedhof, als sie die Alte kichern hörte.
„Sie nennen mich ‚die schwarze Witwe‘, aber so schwarz wie du bin ich nicht. Bist neu hier? Simone von Vogt ist mein Name.“
„Nora“, sagte Nora.
„Hast wen besucht?“, fragte die Alte.
„Nein. Ja. Nicht direkt.“
Sollte sie fragen, ob das Tor offenblieb? Nein. Zu auffällig.
„Hast keine Schule?“, fragte die Alte.
„Doch.“ Nora sah auf ihre Uhr. „Oh, ich muss los. Wiederschaun.“
„Pfiat-di.“
Zweiter Plan:
Abends warten, bis die Mutter zur Nachtschicht geht.
Zum Friedhof radeln.
Das Tor prüfen.
Als die Abenddämmerung das Tageslicht zur Seite schob, fuhr Nora wieder zum Friedhof. Am Tor angekommen griff sie nach dem Knauf – als sich ihr eine knorrige Hand auf die Schulter legte.
Die schwarze Witwe.
„Kommst zur Nachtwache?“
„Ich... wollte nur wissen, ob das Tor abgeschlossen wird.“
„Wird es. Warum?“
„Ich muss auf den Friedhof. Bei Vollmond. Mutprobe.“
„Hast keine Angst?“
„Nö“, sagte Nora. „Die Hölle sind nicht die Toten. Die Hölle sind die anderen.“
„Apropos“, sagte die Alte schmunzelnd, „ich muss nach Hause. Sonst schickt man den Leichenwagen nach mir aus. Kommst mit? Ich erzähl dir vom Friedhof.“
Und sie erzählte. Vom Tag, als die weiße Engelsstatue schwarze Tränen weinte. Vom Steinkreuz, auf dem ein Moospolster wuchs, was auch immer man dagegen tat. Und von ihrem Mann, Hans von Vogt, der in der Gruft begraben lag und auf dessen Grabplatte die Vollmondstrahlen das Familienwappen beleuchteten.
„Cool“, sagte Nora.
Die Alte zuckte mit den Schultern.
„Ich hab Hans‘ Grab nie gesehen.“
„Was? Sie sitzen immer vor dem Friedhof, aber Sie waren nie an seinem Grab?“
„Das ist eine lange Geschichte. Weißt, ich hatte zwei Lieben. Einen geliebten Mann und eine geliebte Frau. Und ich hatte das Glück, dass beide mir die Freiheit gaben, beide zu lieben. Meine Ilse liegt auch auf dem Friedhof. Ihr Grabstein ist ein Engel. Sagt man.“
„Da waren Sie auch noch nie?“
„Nein. Als Hans starb, lag ich im Krankenhaus. Krebstherapie. Er wurde beerdigt, ohne dass ich bei ihm sein konnte. Ilse starb kurz darauf. Ich konnt‘ mein Leben lang beide gleichzeitig lieben, aber“, sie blieb stehen, „ich kann mich nicht gleichzeitig von ihnen verabschieden. Besuche ich erst das Grab meines Mannes, tue ich Ilse unrecht. Gehe ich erst zu Ilse, verletze ich Hans‘ Andenken. Also setze ich mich vor den Friedhof, um ihnen nahe zu sein.“
Sie ging weiter und kicherte.
„Ich schrumpel auf der Friedhofsbank vor mich hin wie bestellt und vom Tod nicht abgeholt, während meine beiden Lieben für immer jung bleiben.“
Sie schwiegen, bis sie Frau von Vogts Haus erreichten. Zum Abschied flüsterte sie:
„Ich kenne den Friedhofsgärtner. Ich besorg dir den Schlüssel. Dann kannst wenigstens du deine Aufgabe erfüllen.“
Nora bedankte sich und ging.
Sie hatte einen neuen Plan:
Kekse in Knochenform backen und auf Lolli-Sticks stecken.
In der nächsten Vollmondnacht gruseligst stylen.
Smartphone, Kamera, Stativ und den Akku-LED-Strahler einpacken.
Das Smartphone der Mutter ausleihen.
Frau von Vogt zum Friedhof begleiten.
Zur Gruft gehen, während Frau von Vogt auf der Bank wartet.
In der Gruft Strahler, Stativ und Kamera aufbauen.
Knochenlolli auspacken und Knochenlutscherfotos knipsen.
Danach:
LED-Strahler vor Ilses Grab positionieren.
Vom Smartphone der Mutter einen Face-Time-Videoanruf auf ihr eigenes Handy starten. Die Smartphonekamera dabei auf das angeleuchteten Grab von Ilse richten und das Smartphone videotechnisch günstig ablegen.
Frau von Vogt zur Familiengruft bringen.
Beim Eintritt in die Gruft auf dem eigenen Smartphone die Live-Schaltung zu Ilses Grab zeigen, so dass Frau von Vogt gleichzeitig mit Hans (in der Gruft) und Ilse (per Smartphone) sprechen kann.
Der Plan ging auf. Punkt Mitternacht hatte Nora ihr Knochenlutscherfoto geschossen. Wenig später nahm Frau von Vogt Abschied, nein, feierte sie Wiedersehen mit ihren Lieben.
Dann bat die schwarze Witwe Nora, die Gruft mit dem LED-Strahler auszuleuchten, setzte sich mit ihr auf Hans‘ Grabplatte und knabberte schaurig schön an den Knochenlutscherkeksen, während der Selbstauslöser der Kamera fleißig klickte.
Das war der Moment, in dem Nora beschloss, diese Fotos niemanden zu zeigen.
„Ich spiele das Spiel der anderen nicht mit“, sagte sie. „Mutprobe bestanden, aber ich mache was Eigenes daraus. Die Hölle sind die anderen. Aber das Glück ist man selbst.“
Ende
So war das damals. Frau von Vogt, Nora und den Raben sah man noch oft auf dem Friedhof. Und irgendwann, nach einem beerdigungsreichen Winter, saß nur noch Nora auf der Bank und fütterte den Raben. Heute studiert sie in Bozen. Aber immer zur Sommer- und zur Wintersonnenwende kommt sie zurück zum Friedhof, sagt Luca. Übrigens: Wissen Sie, wie Nora ihr Studium finanziert? Sie hat einen Gothic-Internet-Shop und verkauft Knochenlutscherkekse. Fragen Sie mal an der Rezeption, manchmal gibt es da welche. Mooohlzeit!
 
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