Tigertag

Klaus Papula
24.02.2020
 
Tigertag
Wenn Mutter freitags weg geht, verkleidet sie sich als Tiger. Sie zieht eine kleine Kappe mit spitzen Ohren über, lange, schwarze Handschuhe, ein enges weißes Kostüm mit schwarzen Streifen. Sie hat auch einen Schwanz, aber den lässt sie meist zuhause. Ihre Lippen schminkt sie weiß. Über die Beine zieht sie ein schwarzes Netz, sie trägt schwarze Schuhe mit sehr hohen, spitzen Absätzen.
„Schlaf gut, mein Schatz“, sagt sie und deutet einen Kuss auf meine Wangen an, dann geht sie. Morgen früh wird sie wieder da sein und mein Butterbrot schmieren.
Wenn Mutter abends weggeht, passt Onkel Theo auf mich auf. Er putzt mir die Zähne, er legt mich ins Bett, er liest mir eine Geschichte vor, bevor er das Licht abdreht. Er ist ein kluger Mann, und ich kann ihm viele Fragen stellen über Worte, die ich aufgeschnappt habe, aber nicht verstehe, Worte wie Bankrott oder Gerichtsvollzieher oder Anschaffen Gehen. Ein Gerichtsvollzieher zum Beispiel ist ein Mann, der das Gericht auf seinem Teller immer aufisst, „... so, wie Du es auch machen solltest“, wie Onkel Theo meint. Onkel Theo wohnt in der Wohnung unter uns. Früher verließ meine Mutter erst die Wohnung, wenn ich schlief. Jetzt gehe ich erst schlafen, wenn sie die Wohnung verlässt. Das haben wir vereinbart.
„Ich will nicht, dass Du gehst. Ich bin unglücklich, wenn Du gehst“, hatte ich gesagt.
„Wir haben alles verloren und brauchen das Geld“, hatte Mutter gesagt, „morgen haben wir den ganzen Tag für uns beide. “
Seither ist Freitagnacht Tigernacht. Jede Woche. Freitag ist sie Tiger, und ich gehe spät schlafen. Wir handeln solche Sachen aus.
„Alles ist ein Geschäft“, sagt Mutter, „auch das Glück“.

Einmal saß Mutter am Morgen nach der Tigernacht neben mir in der Küche und trank schwarzen Kaffee. Ihre Lippen waren noch weiß. Die Tigerohren waren abgeworfen, die Handschuhe lagen im Vorzimmer auf dem Boden.
„Mama, heute Nachmittag ist Faschingsfeier“, sagte ich.
Der Pfarrer wird eine Rede halten, dachte ich. Die Lehrerinnen werden Getränke ausschenken. Der Bürgermeister wird Krapfen verteilen.
„Möchtest Du wieder als Indianer gehen?“, fragte Mutter und schmierte mein Butterbrot, „oder als Superman?“
„Heute gehe ich als Tiger“, sagte ich.
„Nein, nicht als Tiger“, sagte Mutter bestimmt und warf das Messer in die Spüle, „iss dein Butterbrot!“
Ich rührte das Butterbrot nicht an.
„Das war deine Tigernacht. Jetzt kommt mein Tigertag. Alles ist ein Geschäft“, sagte ich.
Mutter zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Rot leuchtete die Zigarettenspitze auf. Sie rollte die Spitze ihrer Zigarette am Aschenbecher, sodass sich ein schwarzer Kegel formte.
„Ist eine gefährliche Welt, die Tigerwelt. Krokodile. Pythons. Männer mit Gewehren. Der Dschungel ist wie Geisterbahn.“
„Egal“, sagte ich und dachte, dass ich nicht vergessen dürfe, Onkel Theo zu fragen, was ein Python sei.
Mutter dämpfte die Zigarette im Aschenbecher aus und sagte: „Ich leg mich hin, Tiger, später kaufen wir ein, was Du brauchst.“

Mutter schlief bis eins. Dann gingen wir in den Laden wegen des Kostüms. Der Verkäufer zog mir einen wuscheligen, braun und weiß gestreiften Sack mit Tigerschnauze über.
„Ein Tiger ist kein Kuscheltier“, sagte ich und zog das Kostüm aus.
„Haben Sie nichts anderes?“, fragte Mutter den Verkäufer. Er ging in einen der hinteren Räume, kam mit einem Bärenkostüm wieder, dann mit einem Kostüm für einen rosafarbenen Panther.
„So kommen wir nicht ins Geschäft“, sagte Mutter und nahm mich an der Hand.
Zu Hause holte sie einen weißen Pyjama aus meiner Kommode. Sie stieg auf einen Sessel, holte ihre Schachtel mit den Fäden und den Nadeln vom Kleiderschrank.
„Bring mir die Schere aus der Küche“, sagte sie.
Dann zerschnitt sie ein schwarzes Leibchen und nähte die schwarzen Streifen auf den Pyjama.
„Sind Tiger nicht gelb mit schwarzen Streifen?“, fragte ich.
„Es ist Winter. Du bist ein sibirischer Schneetiger“, sagte sie und zog mir den Pyjama über.
„Sibirische Schneetiger sind weiß mit schwarzen Streifen. Es sind die gefährlichsten Tiger überhaupt. Das sind Menschenfresser.“
Dann bemalte sie mein Gesicht, die Lippen weiß, um die Augen schwarz. Mutter duftete sehr gut, wie sie sich über mich beugte. Ich steckte mir Vampirzähne in den Mund, die ich zu Halloween getragen hatte, und fauchte. Mutter zündete sich zufrieden eine Zigarette an.
Ich verschwand im Schlafzimmer und kam mit dem Tigerkostüm meiner Mutter zurück.
„Soll ich das anziehen?“, lachte Mutter.
„Bitte, Mama, wir sind Schneetiger. Wir sind Menschenfresser.“
Sie fauchte und weißer Zigarettenrauch kam aus ihrem Mund wie heißer Tigeratem in einer mondbeschienenen sibirischen Winternacht.

Als wir den Pfarrsaal betraten, ging es schon hoch her. Girlanden und Lampions hingen von der Decke. Die Musikkapelle spielte einen Tusch, und der Pfarrer als Sträfling verkleidet mit Kette und Eisenkugel am Bein hielt eine Rede auf der Tribüne. Neben ihm stand der Bürgermeister als Huhn. Von seiner Nase hing ein senfgelber Schnabel. In seinen Hühnerkrallen hielt er den Karton mit den Krapfen. Die Lehrerinnen gingen heuer als Schlümpfe. Die weißen Mützen hingen schlapp und traurig von ihren Köpfen.
Ich griff nach Mutters Hand. In der Mitte des Saales war ein Gang zwischen den Stühlen freigelassen, und hier gingen wir nach vorne. Mutter trug ihr Tigerkostüm mit den Netzstrümpfen, die schwarzen, sehr langen Handschuhe, das Käppchen mit den spitzen Ohren, die Schuhe mit den Absätzen. Von ihrem Po schlängelte sich ihr Tigerschwanz zu den Handschuhen hoch. Das Ende des Schwanzes kreiste wie ein Lasso locker um das Handgelenk. Ich sah zu ihr hoch. Sie war ein prachtvoller Tiger. Sie war ein echter Menschenfresser. Ich führte Mutter in die erste Reihe, wo in der Mitte zwei Plätze frei waren.
„Mama, Dschungel ist besser als Geisterbahn!“, sagte ich begeistert.
Der Pfarrer riss an seiner Kette, die Kugel purzelte um seine Füße. Die Schlümpfe steckten die Mützen zusammen und tuschelten. Das Huhn wackelte mit dem Schnabel, dann ergriff es das Mikrofon und sagte: „Gut, dann teilen wir jetzt die Krapfen aus.“
„Hol dir deinen Krapfen, Tiger!“, meinte Mutter und gab mir einen Stoß. Ich sprang vor das Bürgermeisterhuhn hin und griff in die Schachtel.
„Jeder nur einen!“, zischte das Huhn.
Ich biss mit den Vampirzähnen in die Hühnerkrallen, schnappte mir zwei Krapfen und fauchte: „Für Mutter auch!“
Als mich Mutter an diesem Abend schlafen legte, durfte ich mein Tigerkostüm anbehalten. Sie strich mir mit ihren Fingern über die Wangen und erzählte mir ein Märchen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Woran ich mich erinnere, ist die Zärtlichkeit ihrer Hände und der ernste Klang ihrer Stimme, als sie mich fragte: „Bist Du heute glücklich? “
„Sehr glücklich“, sagte ich und drückte mich fest an sie, und sie sagte: „Dann ist es gut.“
 
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