Unterwegs

Marco Romano
 
Unterwegs
Es war Juli, Himbeervollmond. Auf einer Weide hatten sie die Zelte und das Totem aufgestellt. Es brannten zwei Feuer und die ersten Visionen. Auf dem Gras die Decken, in den Augen rote Blitze und die Weinkaraffen bereits leer. Ringsum Tannenkreise und Buchenkronen, Gipfel mit Schneezungen. Jetzt herrscht Ruhe im Lager, die ganze Nacht aber zuckten Körper und Trommeln, bis zum Morgenrot. Sie waren ausgelassen und zerfetzten ein brennendes Zelt, so schlief er unter den Sternen und Gipfeln. Jetzt ist Morgenrot und er ist wach, bereit, sich auf nie begangenen Steigen zu verlieren, wie immer.
Im Rucksack den Pullover, den er hat, seit er zwanzig war, und los, Schritt für Schritt in der Luft, die ihm ins Gesicht und in die Hände beißt. Im Bauch pulsieren noch die Trommeln und die Energie der nächtlichen Tänze. Er atmet die Echos des Eiszeitalters ein, weitet die Sinne und sucht beim ersten Sonnenstrahl das Weite.
Er schlüpft in den Wald wie ein schwarzer Hirsch. Er steigt Stufen von Wurzeln hoch, die sich um Felsblöcke schlingen, die aus dem Schoß des Berges geschleudert wurden. Der Schattenflug eines Uhus. Feueraugen auf den Heidelbeeren, die letzte Beute in den Krallen der Nacht. Bald wird Mithras Schild den Uhu einschläfern und die kleinen Waldvögel jubeln lassen, dann lodert der Morgen auf verfaulten Blättern. Und er ist außer Atem.
Er horcht auf das pulsierende Herz, auf die langen und tiefen Atemzüge, steigt den Pfad hoch, der ihm keine Verschnaufpause gönnt. Brust und Bauch vibrieren wie die Trommelschläge, die in der Nacht auf seine Gedanken trafen und sie auslöschten.
Versteinerte Nadeln, von Wind und Sonne verbrannt, Schutt und Sand. Verlockende Abgründe und Berge, die durch Verfaltungen und Übergänge, durch Rinnen und Klammen, durch Amphitheater und zerfressenes Geröll gefesselt sind. Wasserfälle, aus denen Lärchen triefen.
Ein schwarzer Spuk verschwindet in einer Nebelwolke, die aus einem Sumpf steigt. Eine Alpenkrähe schneidet durch den Wind. Da die violetten Helme des Eisenhuts, die das Sehvermögen verändern und Herz und Atmung lähmen, dort Seidelbastbeeren und Delirien. Er hat seit Stunden nichts gegessen, er entdeckt verschollene Körperkräfte. Er geht, indem er im Granit gräbt, den er in sich hat. Er durchschreitet die Eingeweide eines gespaltenen Berges, wo sich graue, verkrümmte Sträucher festklammern, in die das Jucken der Felsen Wunden geschlagen hat. Er ist ein Baum in einer Sandwüste. Er ist ein Schrund voll hungriger Schlangen und Wespen. Er betrachtet nackte Gipfel, bittere Mulden, die rissig vor Trostlosigkeit sind.
Auf einer Lichtung mit Moos und Lärchenzweigen schließt er die Augen. Meditiert wie eine Lotosblüte. Atmet. Atmet. Öffnet sie wieder, ein Reh beobachtet ihn. Sie wittern sich, schnuppern gegenseitig am Geruch ihrer Wildheit, vielleicht denken sie einander. Ein menschliches Wesen, das keine Gewehre mit abgesägtem Lauf und Fallen schwingt, die blutig rasseln. Zwei Lebende, die sich von Gras und Tau nähren.
Lapilli und Findlinge mit Intarsien von Flechten und Schnörkeln, die so klein und grau sind, dass sie wie Staub wirken. Ein saures Torfmoor, wo Spinnen und schwarzgelbe Salamander Kadaver hinterlassen.
Alpenrosenflächen wie brennende Decken. Im Brand von Blüten möchte er, dass ihn die Erde einhüllt, aufsaugt, ihn schließlich zersetzt. Verschwinden, als Strauchknospe wiedergeboren werden.
Zwischen den Bergen und Felsnadeln ist ein mondhelles Tal, das ihn umhüllt und vor der Welt verbirgt. Alles verdampft und löst sich auf. Stille. Der Berg droht von weit oben, schwarz tropft das Eis von einer abgelegenen Höhle. Er gelangt dorthin und bleibt in der Spalte, wo bleierne Wolken zwischen Felsnadeln und Spukgestalten wirbeln und Felsspitzen vom Geheul der Stürme gepeitscht werden.
In einem Mondtal wohnt Parvati, Herrin der Berge, Shivas Frau. Sie bricht hervor, bringt alles in Unordnung, entrindet und zerteilt. Zerstört und erschafft neu. Er möchte, dass ihn ein himmlisches Geprassel oder ein jurassisches Dröhnen unter Erde und Steinen begraben und dass auf dem Erdhügel aus Dolomit eines Tages eine rote, fleischige Hauswurz wächst.
Die Erinnerung an ein Gewitter überfällt ihn, an viele Gewitter. Nachts den Weg verfehlt am Rande einer Schlucht, die schwarzen Blitze, der Schnee, der sich an sein Herz schmiegte: violett die Hände vom Blut unter Null.
Zwei menschliche Wesen sehen ihn an wie einen Irren. Seine Augen sind geweitet und seine Haut ist bemalt. Und er trägt Adlerfedern im Haar. Er fliegt weiter und sieht, wie Parvati fünfzig Gämsen gebärt, die auf Abstürzen und Abgründen tanzen. Sie trotzen der Leere, die tötet, jagen über Abhänge dahin und tollen zwischen den Felsblöcken herum, die zerschmettern und zermalmen. Sie kennen die Schwerkraft der Welt. Die menschliche Herde hat lange spekuliert: herumtappend hat sie schließlich den Asphalt ersonnen. Und davon ernährt sie sich.
Es ist Zeit, sich auf den Rückweg zu machen, auf das Rufen der Trommeln der Nacht und des Hungers zu hören. Er geht über die Steige zurück, mustert und bestaunt das Nicht-Gesehene. Schließlich erkennt er, jenseits des Nicht-Sagbaren, die Weide und die Zelte. Weitere neuntausend Augenblicke des Gehens löschen ihn aus und weiten ihm das Bewusstsein. Er ist ein gottgeschaffenes Tier, von den Strudeln des Berges verschlungen und daraus wiedergeboren. Er wurzelt sich in eine Lärche ein, versteinert sich zu einer Verschneidung. Er sprudelt aus der Erde hervor wie ein Wasserquell, Kind der Eismassen. Ein Murmeltier flüchtet in den Bau, zu Tode erschreckt von einem Schatten.
Es ist Zeit, sich von diesen wahren Visionen zu lösen. Es ist Zeit, zum Stamm zurückzukehren. Vielleicht sind auch die anderen noch weiter gegangen, haben in sich und außerhalb von sich unerforschte Mikrokosmen entdeckt.
Er wird noch weiterhin viele Jahre zwischen Wäldern und Bergen herumfliegen. Doch die Welten prallten aufeinander, schnürten ihm Herz und Bauch ein. Sie mussten integriert, versöhnt, in Einklang gebracht werden. Er brauchte Jahre, und einen Führer. Um herauszufinden, dass das Licht im Schwarz der Felsspalten ist. Im Fließen der Jahreszeiten. Im Balancieren wie die Steinböcke. In der Begegnung mit den eigenen Schatten, wie die Eule. Und mit den anderen.
Indessen ist er aber immer noch dort und hält von der Felsklippe einer Anhöhe aus nach Rauchwolken auf der Weide Ausschau.
Erschöpft von den Felsen und vom Hungern kommt er dort an.
Die goldenen Körner der Polenta tanzen im Kessel wie Lichtkristalle, vermischt mit Pilzen, dem Fleisch der Götter, und der eingeschenkte Wein ist Pflanzenambrosia.
Bei Einbruch der Dämmerung, zugleich mit den zum Pantheon der Alpen erhobenen Gläsern, zugleich mit den in die violetten Wolken geschleuderten Pfeile der Tannen, ein großer Abschiedskreis, ein goldener Adler.

Übersetzung: Werner Menapace

 
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