Wenn du weißt, dass du weißt, dass du noch lebst

Shannon Wardell
 
Wenn du weißt, dass du weißt, dass du noch lebst
Ich gewann den Eindruck, dass die geballte Ladung an Deadlines und Abgabeterminen, die alle paar Monate beinahe sintflutartig über mich hereinbrach, schon fester Bestandteil meines Lebens geworden war. Mit beständiger Regelmäßigkeit fand ich mich in der herausfordernden Situation wieder, unzählige größere und kleinere Projekte innerhalb kürzester Zeit fertig stellen zu müssen. Die Wochen unmittelbar vor den Deadlines waren jedes Mal so hektisch und nervenaufreibend, dass ich mich fühlte, als würde ich auf einem Skateboard den Gehsteig einer steilen Straße hinunter rasen, müsste dabei mit einem Auge ständig auf herumliegenden Hundekot achten und würde zugleich eine Bowlingkugel, eine laufende Kettensäge, ein lebendiges Kaninchen und eine Tüte mit Schokoladeneis jonglieren.
Mir blieb noch eine Woche, um meinen Vortrag zu überarbeiten. Er war inhaltlich schon fast perfekt und auch optisch gaben meine Folien bereits einiges her, wie ich fand. Mir war klar, dass dieser Vortrag einfach fesselnd werden musste, gab er mir doch die einmalige Gelegenheit, vor einigen angesehenen Experten unseres Fachgebiets zu sprechen. Obwohl die Tagung im Vorfeld als „international“ angepriesen worden war, würde das Publikum hauptsächlich aus Europa stammen. Die meisten Vorträge und Diskussionen würden auf Deutsch, einige auf Englisch sein.
Das Thema, das ich referieren würde, war meiner Meinung nach absolut wichtig und verdiente jede Aufmerksamkeit. Viele Jahre lang hatte ich bereits Unmengen Energie in Recherchearbeiten gesteckt und stand jetzt vor der großen Herausforderung, all die gefundenen Daten in eine kurze und prägnante Präsentation fließen zu lassen.
Ich war so müde, dass es mir schwer fiel, mich während des Zähneputzens auf den Beinen zu halten. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel genügte, um mich daran zu erinnern, dass ich schon wieder vergessen hatte, den längst überfälligen Friseurtermin zu vereinbaren. Manches war auf meiner To-do-Liste eben gehörig weit nach unten gerutscht. Jetzt, so wurde mir beim Anblick meines Spiegelbilds klar, durfte es allerdings kein weiteres Aufschieben mehr geben.
Am folgenden Nachmittag vereinbarte ich zunächst einen Termin in Zelkas Friseursalon und fuhr dann mit dem Rad in mein Atelier. Am Weg dorthin ging ich meine Präsentation durch:

… Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Die Cyanotypie, auch als Blaudruck bekannt, ist ein kameraloses fotografisches Edeldruckverfahren, das auf eine völlig kontraintuitive Erfindung Sir John Herschels zurückgeht. Ursprünglich war sie nichts anderes, als ein einfacher Weg, kostengünstig Kopien von handschriftlichen Notizen herzustellen. Dieses Druckverfahren kann für botanische Darstellungen, photographische Porträts, Architekturdarstellungen, Bildvervielfältigungen und klassische Blaupausen verwendet werden. Letzteres dürfte auch Ihre Englisch-Freaks absolut begeistern. Schaut man sich genauer an, was bei der Cyanotopie auf naturwissenschaftlicher Ebene passiert, stößt man auf eine Reihe erstaunlicher Überraschungen …

Als ich den Bahnübergang querte, war es, als würden sich die ersten Zeilen eines anderen Projekts in mein Bewusstsein drängen, so klar hatte ich die Worte plötzlich vor mir:
Wenn du ganz alleine bist und niemanden hast, der gerne mit dir lacht
Wenn du dich nur noch fragst, was du hier überhaupt tust und was das alles soll
Wenn du auf einen Anruf wartest und dein Telefon nicht einen Mucks macht,
Wenn du auf die leere Wand starrst und es dir vorkommt, als wär‘ sie viel zu voll
Wenn du zum Nachthimmel hinauf glotzt und dich in seiner Weite verlierst
Wenn du dich in den Spiegel schaust und dich mit deiner Angst konfrontierst
Dann, ja dann, weißt du, dann, ja nur dann, weißt du, dass du weißt,
dass du noch lebst, dass du noch lebst.
Gib dir einen Ruck und geh‘ hinaus in die Welt, du wirst sehen, dass dir das Leben gefällt.


Zelka hatte an diesem Nachmittag viel zu viel zu tun, um sich persönlich um meinen Haarschnitt kümmern zu können. Also vertraute ich mein Haar Monica an – sie würde mir eine simple Kurzhaarfrisur verpassen. Ich legte meine Brille ab und wie immer, wenn ich das tat, verwandelte sich die Welt um mich herum sogleich in ein impressionistisches Gemälde. In Gedanken war ich wieder bei meiner Präsentation.

Die Cyanotypie kann uns sehr viel lehren. Wie das? Indem sie uns zeigt, wie die Naturwissenschaften und die Kunst einander ergänzen können, sodass die jeweiligen Vorzüge dieser außergewöhnlichen menschlichen Tätigkeiten erkannt, gefördert und miteinander verbunden werden, um die volle Größe des menschlichen Geistes sichtbar zu machen.

Monica war fertig und ich konnte endlich meine Brille wieder aufsetzen. Ich bemerkte sofort, dass meine Koteletten ungleich waren. Links war der Haaransatz etwa sieben Millimeter höher als rechts. Zunächst wollte ich Monica gleich darauf ansprechen, doch dann regte sich eine gewisse Neugierde in mir und ich wollte es darauf ankommen lassen. Würde es ihr auffallen?
Doch sie lächelte nur, kassierte und verabschiedete sich von mir, ohne etwas zu sagen.

Ich hatte schon ein paar Meter auf dem Fahrrad zurückgelegt, als ich begann, so etwas wie leichte Gewissensbisse wahrzunehmen. Es war schon ein bisschen unfair von mir gewesen, Monicas Fehler zu bemerken und ihr gar nichts davon zu sagen. Nun, immerhin konnte ich dieses Versehen ja in Eigenregie ausmerzen. Da fiel mir ein alter Mann auf, der steifen Schrittes die Straße entlang humpelte. Er passte perfekt zur zweiten Strophe:

Wenn du durch die Gassen eilst und nirgendwo auch nur einen Moment verweilst
Wenn du dich durch Menschenmassen zwängst und dich überall rücksichtslos vordrängst
Wenn das Chaos auf deinem Schreibtisch längst überhandgenommen hat
Wenn das Essen ohne Gesellschaft an deinen Nerven zu zerren begonnen hat
Wenn du abends deine letzten verbliebenen Zähne untersuchst und vorm Schlafengehen noch über den alten Adventkranz fluchst,
weil du ihn schon seit Monaten im Schrank verstauen willst und dir das Tag für Tag aufs Neue vornimmst
Dann, ja dann, weißt du, dann, ja nur dann, weißt du, dass du weißt,
dass du noch lebst, dass du noch lebst.
Gib dir einen Ruck und geh‘ hinaus in die Welt, du wirst sehen, dass dir das Leben gefällt.


Ich fuhr beim Krankenhaus vorbei und dachte wieder an meinen Vortrag:

Die menschliche Kreativität ist das wertvollste Geschenk der Natur, das es in der westlichen Welt auf allen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Ebenen noch gibt. Sie ist unerschöpflich und kann nur durch die Grenzen unserer eigenen Phantasie beschränkt werden – und leider auch durch Geschehnisse in unserem unmittelbaren Umfeld. Unsere westliche Welt muss die kreativen Adern all seiner Individuen in sämtlichen Bereichen hegen und pflegen, um es unserer Zivilisation zu ermöglichen, im globalen Wettbewerb der Ideologien gegen autoritäre Regime eine Chance zu haben, Demokratie und Menschenrechte zu wahren.

Klang das zu schwulstig? Trug ich zu dick auf? Ich begann über meine Wortwahl zu grübeln und hätte es beinahe verpasst, abzubiegen.

Nun haben wir jenen Punkt erreicht, der zeigt, worum es wirklich geht. Kreativität lässt sich in allen Berufsfeldern und Tätigkeiten finden. Kreativität ist das, was notwendig ist, um Innovation überhaupt denken zu können.

Sollte ich umdrehen und es Monica sagen? War es mir vorhin nur darum gegangen, einer unangenehmen Situation möglichst wirksam aus dem Weg zu gehen?

Dieses Geschenk der Natur können wir nur aktiv fördern, wenn wir Umgebungen und Lebensräume schaffen, in denen es Menschen möglich ist, die unsichtbare Kraft zu fühlen, die entsteht, wenn kreative Spannungen die Luft zum Knistern bringen. Was es braucht, sind Begegnungsräume, in denen sich die einander anziehenden und abstoßenden Denkarten, die sowohl der Kunst als auch den Naturwissenschaften eigen sind, entfalten können. Nur so können Wege und Bereiche der Wechselseitigkeit und tiefergehenden Zusammenarbeit gefunden werden, die sowohl der Kunst als auch den Naturwissenschaften neue Höhenflüge bescheren können.

Wer meinte ich zu sein, solche Thesen aufstellen zu können? Warum tat ich mir das überhaupt alles an? Wäre mein Leben nicht viel weniger nervenaufreibend, wenn ich nicht ständig diese Drahtseilakte zu bewältigen hätte? Dann könnte ich an einem Tag wie heute ganz einfach irgendwo sitzen und einen kühlen Drink genießen. All die Arbeiten, all die Beiträge, all die Vorträge – inwiefern würden sie den Lauf der Dinge denn irgendwie beeinflussen können? Dieser Gedanke schmerzte fast genauso wie der nächste: Würde ich jetzt irgendeine extrinsische Motivation als Begründung für mein Tun anführen, so wäre das nur allzu billig – ein Deus ex machina aus Alufolie und Kaugummi. Diese kreative Spannung, dieses Knistern und Kribbeln spüren zu können – wäre das für sich genommen nicht bereits Antrieb genug, um weiterzumachen? Und sollte ich nicht eigentlich dankbar sein, so etwas überhaupt wahrnehmen zu können?

Ich dachte, dass es sich irgendwie gut anfühlen würde, Antworten auf diese Fragen geben zu können.

Als ich mich den letzten steilen Anstieg zu meinem Haus hochkämpfte, schwirrten mir die Worte der dritten Strophe durch den Kopf:

Wenn du es liebst, unter der Dusche zu singen und mit deiner Stimme alles im Raum zum Schwingen zu bringen
Wenn du es magst, durch den Wald zu streifen und durch fallende Blätter den Kreislauf des Lebens zu begreifen
Wenn du spätabends im Bett noch ein Buch liest und froh bist, am Leben zu sein
Wenn du frühmorgens einsam aufwachst und dich wohl dabei fühlst, alleine zu sein
Wenn du deine letzten verbliebenen Haare kämmst, über dein Leben nachdenkst und feststellst, wie lieb dir so viel darin ist
Etwa deine Talente, die dir in die Wiege gelegt wurden oder der Sonnenschein im Sommer und der Regen im Herbst
Dann, ja dann, weißt du, dann, ja nur dann, weißt du, dass du weißt,
dass du noch lebst, dass du noch lebst.
Gib dir einen Ruck und geh‘ hinaus in die Welt, du wirst sehen, dass dir das Leben gefällt.


Abends beim Zähneputzen erinnerte mich mein Spiegelbild wieder daran, dass ich mir die Haaransätze noch gleich trimmen wollte.

 
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